Wie die Geschichte weiterging II (Staffel 5)

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Wie die Geschichte weiterging II (Staffel 5)

Beitragvon Andrea O'Down » Mi 15. Aug 2012, 20:16

Es geht weiter mit meiner "Als die Tiere den Wald verließen"-Fanfiction. Viel Spaß damit! ^^


Kapitel 1: Sturm

Ruhig trabte der junge Fuchs dahin. Unter Bäumen, deren Blätter sich in Erwartung des herannahenden Winters bereits zu verfärben begannen, bahnte er sich seinen Weg. Er hatte bereits eine lange Reise hinter sich, war aber noch kein bisschen müde. Seit Tagen schon befand er sich auf dieser Reise, die ihn an seinen Geburtsort zurückführen sollte. Die Stadt, seine alte Heimat, hatte er hinter sich gelassen. Sicher, er hatte dort ein gutes Leben gehabt, aber in letzter Zeit war der Wunsch, an seinen Geburtsort zurückzukehren, immer größer geworden, und so hatte er vor ein paar auf den Weg gemacht.
Er freute sich, als ihm die Gegend immer bekannter vorkam, auch wenn es ihm so schien, als kenne er sie nur mehr aus einem Traum. Doch er wusste, hier war er schon einmal gewesen, auch wenn es Jahre her war. Auf einem Hügel hielt er kurz inne. Genüsslich sog er die noch fast sommerlich warme Luft ein. Da drüben, zwischen den Bäumen lag seine ursprüngliche Heimat. Nur noch wenige Augenblicke trennten ihn von ihr. Und frohen Mutes setzte er sich wieder in Bewegung.
Ein wenig überrascht war der junge Fuchs dann aber doch, als er einen Zaun an der Stelle vorfand, an der er vor langer Zeit seine Heimat verlassen hatte. Doch konnte ein Fuchs dort problemlos durchschlüpfen, das erkannte er sofort. Dennoch irritierte ihn das Schild, das an diesem Zaun befestigt war und das einen weißen Hirschen zeigte.
„Ein weißer Hirsch?“ wunderte er sich. „Aber ich habe doch nie im Weißhirschpark gelebt. Er lag nicht weit entfernt, das ist wahr. Und es ist eindeutig die Stelle, die ich auf meinem Weg in die Stadt passiert habe. Was ist denn hier geschehen?“
Suchend sah er sich um. Vielleicht konnte er jemanden finden, der ihm das erklären konnte. Und wirklich! Als hätte er sie gerufen, erschien eine junge Füchsin, die am Zaun, jedoch auf seiner Seite, also nicht im Park, entlang schlich.
„Entschuldige!“ rief er sogleich fröhlich. „Kannst du mir ...?“
Doch weiter kam er nicht. Die Füchsin zuckte sofort zusammen und sah ihn erschrocken an. Nur für den Augenblick einer Schrecksekunde blieb sie wie erstarrt stehen, ehe sie rasch die Flucht ergriff.
Der junge Fuchs sah ihr überrascht nach.
„Schade“, dachte er. „Dann muss ich mir halt jemand Anderen suchen, der mir Auskunft geben kann. Vorher werde ich diesen Park lieber nicht betreten.“
Und so lief auch er davon, um jemanden zu finden, der ihm weiterhelfen konnte.

In der Zwischenzeit redete Lustig, der Anführer der Herde der weißen Hirsche, auf einen jungen Hirsch ein, der kaum ein Jahr alt sein konnte.
„Wieso hast du dich wieder so weit von der Herde entfernt?“ fragte Lustig den jungen Hirschen, der aufgrund seiner Vorliebe, allein zu sein, Einsam genannt wurde.
„Nun ja“, antwortete Einsam. „Da gibt es so eine hübsche Stelle im Wald. Und da bin ich hingegangen, um in Ruhe nachdenken zu können.“
„Aber es ist gefährlich, die Herde zu verlassen!“ warf Lustig ein.
„Ach, woher denn? Wir sind hier im Weißhirschpark. Wer soll uns hier schon etwas tun?“ entgegnete Einsam.
„Sei nicht so vorlaut!“ entfuhr es dem Anführer der Herde. „Und außerdem lauern auch hier Gefahren für uns. Wilderer zum Beispiel. Also, dass mir das ja nicht wieder vorkommt! Du bleibst in Zukunft bei der Herde! Und ich dulde keine Widerworte!“
Einsam senkte den Kopf. Und auch wenn er nichts erwiderte, so konnte er es doch nicht verhindern, dass seiner Kehle ein leises Murren entfuhr.
Lustig warf ihm einen strengen Blick zu, was dazu führte, dass der junge Hirsch sofort verstummte. Und mit immer noch gesenktem Haupt folgte er Lustig zurück zur Herde.

Der junge Fuchs hatte inzwischen die Gegend nach jemandem abgesucht, der ihm eine Auskunft geben konnte. Doch seine Suche blieb erfolglos. Seufzend machte er sich auf dem Weg zurück zu der Stelle, wo er vorhin diese junge Füchsin gesehen hatte.
„Wohl kein Jagdglück gehabt, was?“ fragte ihn da eine Stimme, und als er den Kopf hob, erkannte er eine Eule, die auf einem nahen Baum saß.
„Ja, das kenn ich, was?“ fuhr diese Eule fort. „Im Park und der näheren Umgebung findet man manchmal einfach nichts. Deswegen muss ich auch manchmal raus, was?“
„Ich bin gar nicht auf der Jagd“, erwiderte der Fuchsrüde. „Ich habe nach jemanden gesucht, der mir erklären kann, warum da vorne ein Zaun ist. Als ich diese Gegend vor zwei Jahren verlassen habe, war da noch kein Zaun.“
„Na, da hast du den Richtigen gefunden, was?“ entgegnete der Vogel. „Ich kann dir das nämlich erklären. Der Weißhirschpark wurde vergrößert. Gute Nachricht, was?“
„So ist das also“, sagte der Fuchsrüde. „Dann kann man also ohne Weiteres hinein. Ich danke dir, mein Freund!“
Und schon lief er davon.

Kurz darauf erreichte er wieder die Stelle, an der es zuvor nicht gewagt hatte, den Park zu betreten. Der junge Rüde stutzte kurz, als er eben dort wieder die junge Füchsin von vorhin vorfand. Wiederum sah sie sich suchend um, wagte es aber nicht, den Zaun zu überwinden.
„Hallo!“ rief ihr der Rüde freundlich zu.
Die Fähe zuckte zusammen und wollte wieder die Flucht ergreifen.
„Nein, warte!“ rief der Rüde daher schnell. „Ich will dir nichts tun!“
Die Füchsin hielt zögernd inne.
„Traust du dich etwa nicht hinein?“ fragte er sie und deutete mit dem Kopf auf den Zaun. „Der Park ist vergrößert worden, musst du wissen. Du kannst also ruhig hineingehen.“
„Nein, kann ich nicht“, erwiderte die Fähe. „Ich darf den Park nicht betreten.“
„Du wusstest also davon?“ fragte der junge Fuchs überrascht, denn er war davon ausgegangen, dass sie sich – genau wie er – aufgrund der veränderten Lage nicht hineinwagte.
„Natürlich“, antwortete sie. „Ich bin schon einmal dort gewesen. Doch ich wurde verbannt.“
„Warum das denn?“ fragte der Rüde weiter.
„Ich habe einer Füchsin namens Nachtwind viel Leid zugefügt, was ich nun sehr bedauere“, antwortete die Fähe. „Doch ich kann mich nicht bei ihr entschuldigen, denn ich darf den Park nicht betreten. Das wäre mein Todesurteil.“
„Hast du eben ,Nachtwind’ gesagt?“ stellte der junge Fuchs abermals eine Frage.
Die Fähe nickte. „Ja, sie lebt in diesem Park“, antwortete sie.
„Sie lebt also noch!“ entfuhr es dem Rüden erleichtert. „Dem Himmel sei Dank! Kannst du mir sagen, wo sie ihr Revier hat?“
„Sie hatte ihr Revier in der Nähe des Baches“, antwortete die Fähe. „Doch du solltest dein Glück jetzt eher auf Thalerland versuchen. Sie ist nun gewiss dort. Frag’ am besten bei Lustig, dem Anführer der Weißhirschherde, nach. Der kann dir bestimmt weiterhelfen, und außerdem ist er nicht zu übersehen.“
„Danke“, entgegnete der junge Fuchs und wollte sich schon auf den Weg machen. Doch er hielt inne, denn er spürte den Blick der Fähe auf sich gerichtet. Und als er sich umwandte, erkannte er tatsächlich, dass diese ihn halb verzweifelt, halb flehend ansah.
„Könntest du mir einen Gefallen tun?“ fragte sie.
Der Rüde nickte.
„Wenn du Nachtwind gefunden hast, sag’ ihr bitte, dass mir Leid tut, was geschehen ist, und dass ich ihr das gerne persönlich sagen würde. Ich werde hier an der Grenze auf sie warten – selbst wenn es Jahre dauern sollte, bis sie mich aufsucht“, erklärte die Fähe.
„Ich werde es ihr ausrichten“, entgegnete der junge Fuchs. „Doch welchen Namen soll ihr nennen, wenn sie mich danach fragt?“
„Wolke“, antwortete die junge Füchsin.
Der Rüde nickte ihr zu und schlüpfte dann durch den Zaun.

Diesen Lustig sollte er also suchen. So eine Herde von weißen Hirschen musste doch leicht zu finden sein, dachte der Rotfuchsrüde.
Eine Weile trabte er aufmerksam um sich blickend dahin, doch er hatte noch keinen einzigen weißen Hirsch entdeckt.
„Und so was nennt sich Weißhirschpark“, murmelte er kopfschüttelnd.
Da entdeckte er zwei Hasen, die unweit von ihm miteinander spielten. Der eine von ihnen – eine Häsin, wie der Fuchsrüde feststellte – lief lachend umher und rief: „Fang mich! Fang mich!“. Der andere versuchte, so gut er konnte, hinterher zu kommen, blieb aber ab und zu stehen, um mit seinem Hinterbein ein paar Mal auf den Boden zu klopfen.
Der Rüde überlegte. Eigentlich hatte er Hunger. Warum also nicht einen dieser Hasen schnappen, wo sie doch so unaufmerksam waren?
Er schlich sich näher. Fast hatte er die beiden schon erreicht und setzte zum Sprung an. Er stieß sich vom Boden ab, aber da die Hasen ständig in Bewegung waren, landete er knapp hinter einem der beiden, konnte ihn aber nicht packen.
Die beiden Hasen erstarrten für den Bruchteil einer Sekunde und schossen dann, so schnell sie konnten, davon. Der Fuchs nahm sofort ihre Verfolgung auf.
„Lauf’ in eine andere Richtung, Lauscher!“ rief die Häsin dem anderen Hasen zu. „Er kann uns nicht beiden folgen!“
Und schon schlug der als Lauscher angesprochene Hase einen Haken und lief in einer anderen Richtung davon.
Der junge Fuchs jedoch hielt sich an die Häsin. Sie war wirklich verflixt schnell, aber er war gewiss der ausdauerndere Läufer, davon war der Rüde überzeugt. Irgendwann würde sie schon müde werden.
Doch gerade als er dachte, der Abstand zwischen ihnen würde sich verringern, sprang eine Füchsin aus dem Gebüsch und verstellte dem Rüden, der abrupt stehen blieb, den Weg.
„Mach’, dass du wegkommst, Flitzi!“ rief sie der Häsin zu. „Ich regle das hier schon.“
„Ich werde Placker holen“, antwortete diese schnell. „Sei vorsichtig, Nachtwind!“
Der Rüde, der sich schon geduckt hatte, um einen möglichen Angriff der Fähe abzufangen, erhob sich schnell.
„Nachtwind?“ fragte er verwundert und sah die Fähe, die kampfbereit vor ihm stand, genauer an. „Aber natürlich, du bist es! Auf die Schnelle habe ich dich gar nicht erkannt. Und natürlich bist du um Einiges gewachsen, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe. Was bin ich froh, dich gesund und munter vorzufinden!“
Und freudig lief er auf die Fähe zu, doch diese wich erschrocken zurück.
„Nachtwind, erkennst du mich denn nicht?“ fragte der Rotfuchs überrascht. „Ich bin es, Sturm, dein Bruder.“
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Re: Wie die Geschichte weiterging II (Staffel 5)

Beitragvon Andrea O'Down » Sa 19. Jan 2013, 18:37

Kapitel 2: Von verlorenen Brüdern und Schwestern

„Nachtwind?“ fragte Sturm abermals und trat einen Schritt näher an die Fähe heran. Diese jedoch wich noch weiter zurück.
Der Rüde sah sie genauer an. Im Blick der Füchsin lag Verwirrung. Nichts deutete darauf hin, dass sie sich an ihn erinnerte.
„Du erkennst mich also wirklich nicht“, seufzte Sturm und senkte ein wenig seinen Kopf.
„Nachtwind!“ rief da eine Stimme, und Placker kam auf die Fähe zugelaufen. Schützend stellte er sich vor seine Gefährtin.
„Hat er dir etwas getan?“ fragte er und funkelte den Fremden böse an.
„Nein“, erwiderte Nachtwind leise.
„Was wollte er dann?“ fragte Placker weiter.
„Er behauptet, mein Bruder zu sein“, erwiderte die Fähe.
Placker wandte sich ihr zu. „Und? Ist er es?“
„Ich weiß es nicht!“ rief Nachtwind verzweifelt. Tränen traten in ihre Augen, und sie lief schluchzend davon.
„Nachtwind!“ rief Placker ihr nach, doch die Fähe lief einfach weiter.
Zurück blieben die beiden Rotfuchsrüden. Und irgendwie war die Situation etwas eigenartig, das musste Placker zugeben.
„Tja ... ähm ... also“, begann er zu sprechen. „Ich bin Nachtwinds Gefährte, Placker. Ich bin der Anführer der Tiere aus dem Thalerwald.“
„Von denen habe ich gehört“, erwiderte Sturm ruhig. Placker konnte sich nicht helfen. Diese Reaktion erinnerte ihn doch ein wenig an seine Nachtwind.
„Und ich bin Sturm“, stellte der Fremde sich vor.
„Und du denkst wirklich, dass sie deine Schwester ist?“ fragte Placker.
„Nein“, entgegnete Sturm. „Ich weiß es.“
Placker seufzte. „Nachtwind hat als Welpe ihr Gedächtnis verloren“, erklärte er. „Einzig und allein ihr Name ist ihr in Erinnerung geblieben.“
„Das habe ich bemerkt“, gab der Rüde zurück. „Aber wenn ich mit ihr rede, wird sie sich vielleicht wieder an mich erinnern.“
„Versuchen kannst du es“, sagte Placker. „Komm! Ich bringe dich zu ihr.“
Und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu Nachtwinds und Plackers Bau.

Nachtwind lag im Eingang des Baus. Sie weinte immer noch und war der Verzweiflung nahe. Dieser Sturm sollte ihr Bruder sein? Aber sie konnte sich nicht an ihn erinnern! Wie sollte sie sich denn nun ihm gegenüber verhalten? Es war zum Verrückt-Werden!
Gerade in diesem Augenblick kam Placker, dicht gefolgt von Sturm, auf den Bau zu.
Nachtwind trocknete ihre Tränen, erhob sich und ging den beiden entgegen.
„Es tut mir Leid“, sagte sie zu Sturm. „Ich habe mich dir gegenüber sehr unhöflich verhalten.“
„Es ist schon gut“, antwortete der Rüde. „Ich an deiner Stelle hätte wahrscheinlich ähnlich reagiert. Und du kannst dich wirklich nicht an mich erinnern?“
Die Fähe schüttelte den Kopf.
„Nun, dann werde ich deiner Erinnerung ein wenig auf die Sprünge helfen“, sagte Sturm. „Ich werde dir ein paar Geschichten aus unserer Kindheit erzählen. Vielleicht kehrt deine Erinnerung dann zurück.“
Nachtwind sah ihn an und dachte über das Gesagte nach.
„Aber ich denke, für heute hattest du genug Aufregung“, fuhr der Rotfuchs fort. „Ich komme morgen wieder.“
Und schon wollte er sich auf den Weg machen, doch Nachtwind hielt ihn zurück.
„Warte!“ sagte sie. „Warum kommst du erst jetzt damit zu mir?“
„Ich habe bis vor Kurzem in der Stadt gelebt“, antwortete Sturm. „Ich bin erst heute hierher zurückgekehrt.“
Nachtwind nickte. Das klang logisch.
Doch beim Gedanken an seine Rückkehr musste Sturm wieder an die junge Füchsin denken, die an der Grenze kennengelernt hatte.
„Da fällt mir ein, dass ich dir etwas ausrichten soll“, wandte er sich wieder an Nachtwind. „Ich habe an der Grenze eine Füchsin namens Wolke getroffen. Sie bat mich, dir auszurichten, dass ihr Leid tut, was sie dir angetan hat. Sie möchte sich entschuldigen und wird an der Grenze auf dich warten.“
Nachtwind erstarrte, und auch Placker wandte seinen Blick rasch Sturm zu, als er den Namen „Wolke“ hörte.
„Ich verstehe“, sagte die Fähe kühl. „Richte ihr aus, dass ich darüber nachdenken werde.“
„Gut“, erwiderte der Rüde, der von dem plötzlichen Wandel in Nachtwinds Verhalten nichts bemerkte hatte, da er sich zu sehr freute, sie wiedergefunden zu haben. „Ich komme dann morgen wieder. Bis dann!“
Und so machte er sich wieder auf den Weg zur Grenze, um Wolke aufzusuchen.
Nachtwind sah ihm nach.
„Er lügt“, sagte sie bestimmt und ging zurück in den Bau.
Placker lief ihr nach.
„Woher willst du das wissen?“ fragte er.
„Ganz einfach“, erwiderte seine Gefährtin. „Er kommt aus der Stadt, wo auch Wolke und Standhaft lebten. Und er hat von Wolke gesprochen und dass sie mich wiedersehen will. Wer sagt, dass das nicht eine Falle ist, um mich aus dem Weg zu räumen? Vielleicht kommt Wolke reuig auf mich zu, und im selben Augenblick greift mich Standhaft aus dem Hinterhalt an und versucht wieder, mich zu töten. Nein, ich habe ihn durchschaut.“
Placker dachte einen Augenblick nach.
„Aber wenn tatsächlich Standhaft und Wolke dahinter stecken, warum hat er dann Wolke gleich erwähnt?“ warf er ein. „Das erscheint mir nicht sehr logisch. Außerdem sieht er dir ähnlich. Ist dir das nicht aufgefallen?“
„Doch“, gab die Fähe zurück. „Ich muss zugeben, da haben Standhaft und Wolke wirklich gute Arbeit geleistet. Wie lange mussten sie wohl suchen, um einen Fuchs zu finden, der mir ähnelt?“
Und mit diesen Worten legte sie sich hin und schloss die Augen. Placker verstand. Sie wollte nicht weiter darüber reden.

Fast zur selben Zeit erreichte Sturm die Grenze. Nach kurzem Suchen fand er auch Wolke. Die Fähe sah ihn erwartungsvoll an.
„Hast du sie gefunden?“ fragte sie.
„Ja“, antwortete der Rüde. „Sie wird darüber nachdenken.“
„Ich verstehe“, sagte Wolke und senkte ein wenig den Kopf. „Es ist zu viel passiert, als dass sie mich gleich anhören könnte.“
„Was ist denn eigentlich vorgefallen?“ fragte Sturm neugierig.
„Das ist eine lange Geschichte“, erwiderte die junge Füchsin.
„Ich habe Zeit“, erklärte Sturm.
„In Ordnung“, sagte Wolke zu ihm. „Wenn es dich wirklich interessiert, erzähle ich es dir natürlich. Aber nicht hier. Ich habe in der Nähe einen verlassenen Bau entdeckt. Gehen wir doch dorthin.“
Sturm nickte.
„Da fällt mir ein, dass ich noch gar nicht deinen Namen kenne“, sagte die Fähe, als sie sich auf den Weg machten.
„Ich bin Sturm“, sagte der Rüde. „Nachtwinds Bruder.“
Wolke riss die Augen auf. Dann senkte sie traurig den Kopf.
„Dann wirst du mich nach dieser Geschichte wohl hassen“, stellte sie fest. „Aber ich denke, das habe ich verdient.“
„Lass das meine Sorge sein“, entgegnete der Rüde lächelnd.
Wolke sah ihn überrascht an.

Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Doch leider hatte es auch in Strömen zu regnen begonnen. Nachtwind hatte eigentlich auf die Jagd gehen wollen. Was sie jetzt mehr als alles Andere brauchte, war Ablenkung. Doch bei diesem Regen war an Jagd nicht zu denken. So lag sie nur im Eingang des Baus und starrte in die Dunkelheit, die nur ab und zu von einem Blitz erhellt wurde.
Die Fähe war immer noch in großer Verwirrung. Hatte sie diesen Sturm richtig eingeschätzt? Was, wenn er tatsächlich ihr Bruder war? Ach, sie wusste einfach nicht weiter.
Verzweifelt strich sie sich mit der Pfote über ihr Gesicht.
In diesem Augenblick zuckte ein Blitz. Nachtwind hob erschrocken den Kopf. Wie hypnotisiert starrte sie nach draußen.
Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich durch den Regen laufen. Sie spürte den Regen auf ihr Fell prasseln. Und sie suchte etwas. Sie hörte jemanden ihren Namen rufen.
Doch im selben Augenblick rasten zwei kleine Schatten in den Bau. Nachtwind fuhr hoch. Sie war ja noch im Bau! Und nass war sie auch nicht! Was hatte sie da eben nur gehabt? War sie eingeschlafen und hatte geträumt?
Sie schüttelte kurz den Kopf. Und dann hörte sie wieder, wie jemand sie ansprach. Doch es war eine ihr wohl bekannte Stimme.
Nachtwind senkte ihren Blick zu den beiden nassen Fellbündeln, die zu ihren Füßen saßen.
„Haben wir dich erschreckt?“ fragte Flitzi lachend.
„Na, und wie!“ gestand die Fähe.
„Das haben wir bemerkt“, kicherte die Häsin, und Lauscher nickte grinsend.
„Was macht ihr denn hier?“ fragte Nachtwind.
„Wir wollten uns bei dir bedanken, weil du uns heute geholfen hast“, erklärte Flitzi.
„Und da kommt ihr bei diesem Unwetter hierher? Das hättet ihr doch auch morgen tun können“, entgegnete die Fähe.
„Na ja, und um ehrlich zu sein, hatten wir Angst bei diesem Wetter“, gab die Häsin kleinlaut zu.
Lauscher kommentierte das Ganze mit ein paar Klopfzeichen.
„Gar nicht wahr!“ rief Flitzi entrüstet. „Du hattest genauso Angst!“
Nachtwind lächelte.
„Na, dann kommt herein“, sagte sie.
Das ließen sich die beiden nicht zweimal sagen und stürmten in die Schlafkammer. Nachtwind wollte sie gerade bitten, leise zu sein, da Placker schlief, aber mit einem lauten „PLACKER!“ stürzte sich Flitzi gerade in diesem Augenblick auf ihren Freund, der vor Schreck laut aufschreiend aus dem Schlaf hochfuhr.
Die Häsin lachte bei diesem Anblick laut los, was ihr einen leichten Pfotenhieb von Placker einbrachte. Und schon bald jagten sich die beiden lachend durch den ganzen Bau. Nachtwind konnte nicht anders als mitzulachen. Und ehrlich gesagt war sie für die Ablenkung dankbar.

Doch im Laufe dieser Nacht ging es andernorts nicht so fröhlich zu. Einsam, der junge weiße Hirsch, hatte sich trotz aller Verbote wieder von der Herde entfernt – diesmal sogar ziemlich weit. Und bei diesem Unwetter fand er einfach nicht zurück. Zu spät bemerkte er, dass ihn mehrere Augenpaare aus den Büschen beobachteten, und ehe er reagieren konnte, schnappten messerscharfe Zähne nach ihm, verbissen sich in seinem Fleisch, und schließlich wurde er von dem Gewicht seiner Angreifer zu Boden gerissen.
Panisch rief der junge Hirsch um Hilfe, doch bei dem lauten Donnergrollen und dem Peitschen des Regens konnte ihn niemand hören. Und schon bald verstummte auch sein Ruf – für immer.
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Re: Wie die Geschichte weiterging II (Staffel 5)

Beitragvon Andrea O'Down » Mo 28. Jan 2013, 16:06

Kapitel 3: Erinnerungen?

In dieser Nacht schlief Nachtwind sehr schlecht. Sie wurde von einem seltsamen Traum geplagt. Doch der Traum begann gar nicht schrecklich. Zuerst lag sie als Welpe zwischen den Pfoten einer Füchsin. Diese Füchsin hatte an den Beinen eine schwarze Fellzeichnung gehabt, ihre Augen waren schwarz umrandet gewesen, und auch ihre Kopfzeichnung war schwarz. Liebevoll blickte sie Nachtwind an, und Nachtwind schmiegte sich an ihr warmes Fell. Doch plötzlich löste sich die Füchsin auf. Nachtwind versuchte noch verzweifelt, das zu verhindern, doch es ging nicht. In dem Augenblick, da der letzte Rest der Füchsin verschwunden war, war um sie nur Dunkelheit. Ängstlich rief sie um Hilfe und lief umher, um einen Ausweg zu suchen. Doch sie fand keinen. Und es kam auch niemand, um ihr zu helfen. Tränen liefen über ihr Gesicht, als sie erkannte, dass es hoffnungslos war. Und dann fiel sie. Sie fiel einfach ins Bodenlose – nichts als Schwärze um sie herum.
Erschrocken fuhr die Fähe aus dem Schlaf hoch und erkannte, dass sie sich in ihrem Bau befand. Neben ihr lag Placker und schlief. Und am anderen Ende der Schlafkammer hatten sich Lauscher und Flitzi aneinander gekuschelt und schliefen ebenfalls.
Nachtwind lauschte nach draußen und vernahm immer noch Donnergrollen. Anscheinend war das Unwetter noch nicht vorüber.
Sie ließ ihren Kopf wieder auf ihre Vorderpfoten sinken, doch in dieser Nacht fand sie keinen Schlaf mehr.

Am nächsten Morgen stand Nachtwind im Eingang des Baus und sah nach draußen. Das Unwetter war vorüber. Der Sonnenschein wärmte sie ein wenig verdrängte das ungute Gefühl, das sie seit ihrem Traum verspürte, ein wenig. Doch ganz wurde sie es leider nicht los.
„Was für ein schöner Morgen!“ rief da Flitzi und sauste zwischen Nachtwinds Pfoten ins Freie – und landete prompt auf der Nase, denn der Boden war noch ziemlich aufgeweicht und daher glitschig.
Lauscher, der das alles natürlich gesehen hatte, trommelte wie wild mit seinem Hinterbein auf den Boden, und ein Grinsen umspielte sein kleines Maul.
„Jaja, lach’ du nur!“ gab Flitzi beleidigt zurück. „Das merk’ ich mir! Na, warte!“
Und schon wollte die Häsin aufspringen und sich auf den schadenfrohen Lauscher stürzen, doch abermals glitt sie aus und landete alle viere von sich gestreckt im nassen Gras.
Diesmal musste auch Nachtwind lachen, und es tat ihr wohl.
Doch dann ging sie vorsichtig zu der Häsin, packte sie am Nackenfell und richtete sie auf.
„Danke!“ sagte Flitzi missmutig. „Aber das hätte ich auch alleine geschafft.“
Wieder gab Lauscher ein paar Klopfzeichen von sich.
„Was soll das heißen ,Nicht mehr in diesem Jahr!’?“ rief Flitzi empört und wollte abermals auf Lauscher zustürzen, doch wieder rutschten ihr die Pfoten davon. Nachtwind konnte sie gerade noch am Nackenfell packen, sonst wäre die Häsin zum dritten Mal an diesem Morgen unsanft auf dem Boden gelandet.
Diesen letzten „Ausrutscher“ bekam auch Placker mit, der endlich aufgestanden war. Und er konnte ein Kichern einfach nicht unterdrücken.
Aber bevor Flitzi sich darüber aufregen konnte, rief eine Stimme: „Schön, dass wenigstens jemand heute Morgen lachen kann! Aber eigentlich gibt es kaum einen Grund dafür!“
„Eule!“ rief Placker, als er die alte Vogeldame auf einem Baum in der Nähe entdeckt hatte. „Wie meinst du das?“
„Heute Nacht ist ein junger Hirsch von irgendwelchen Tieren gerissen worden“, antwortete die Eule. „Lustig hat ihn im Morgengrauen gefunden. Und es soll nicht besonders viel von ihm übrig geblieben sein.“
Nachtwind, Placker und die beiden Hasen blickten sich bestürzt an.
„Was für ein Tier soll das gewesen sein?“ fragte Nachtwind.
„Das weiß niemand“, erwiderte die Eule. „Ihr solltet euch das vielleicht besser selbst ansehen.“
Die vier nickten und folgten der Eule, die ihnen den Weg zeigte.

Ungefähr zur selben Zeit begleitete Wolke Sturm wieder zur Grenze des Parks. Die beiden hatten die ganze Nacht in dem verlassenen Bau verbracht und waren daher vor dem Unwetter geschützt gewesen. Wolke hatte Sturm ihre ganze Geschichte erzählt. Doch dieser hatte überhaupt nicht wütend reagiert.
Die junge Füchsin sah ihren Begleiter von der Seite an, ehe sie ihn ansprach: „Ich fasse es nicht, dass du nach allem, was ich deiner Schwester angetan habe, nicht böse auf mich bist.“
„Vordergründig hast nicht du, sondern deine Mutter ihr etwas angetan“, gab Sturm zurück. „Und offensichtlich hast du dich geändert, da es dir ja Leid tut.“
„Und was, wenn das alles nur gespielt ist?“ warf die Fähe ein. „Was, wenn es nur gelogen ist, um dich auf meine Seite zu ziehen?“
Der Rüde machte einen Satz nach vorne und stellte sich Wolke in den Weg. Die Fähe blieb irritiert stehen. Sturm blickte ihr geradewegs in die Augen.
„Ist es aber nicht“, erwiderte er kurz darauf und setzte dann seinen Weg fort.
Wolke blieb noch kurz verdutzt stehen, ehe sie ihm folgte.
„Woher willst du das wissen?“ fragte sie schließlich.
„Du lügst nicht“, antwortete der Rotfuchs. „Das kann ich in deinen Augen sehen.“
Die Fähe musterte ihn noch eine Weile von der Seite, doch dann hatten sie die Grenze des Parks erreicht, wo sie sich voneinander verabschiedeten.


Traurig stand der Anführer der weißen Hirsche vor dem Kadaver eines jungen Hirsches. Erst bei Tagesanbruch hatte Lustig sich auf den Weg machen können, um Einsam zu suchen, da es die ganze Nacht in Strömen geregnet hatte. Und er hatte ihn schnell gefunden, zumindest das, was von dem Armen noch übrig war.
Mittlerweile war es beinahe Mittag, doch Lustig hatte sich noch nicht ein Stück wegbewegt. Er stand einfach nur fassungslos da.
Da betraten Streuner, Placker und der Fuchs den Ort des Geschehens. Etwas abseits standen Anmut und Nachtwind mit Lauscher und Flitzi. Die beiden Hasen wagten sich näher an den Kadaver heran, und die Füchsinnen waren bei ihnen geblieben.
Lustig bemerkte sie, wandte sich jedoch nicht um. Er starrte weiter vor sich hin.
„Ich hätte besser auf ihn aufpassen müssen“, sagte er leise. „Ich wusste, dass er sich gerne davon schlich, um alleine zu sein. Ich hätte einfach ständig ein Auge auf ihn haben müssen, anstatt ihm immer und immer wieder zu erklären, dass er die Herde nicht verlassen soll.“
„Du konntest nicht wissen, dass so etwas passieren würde“, erwiderte der Fuchs.
„Trotzdem wäre es meine Aufgabe gewesen, ihn zu beschützen!“ warf der Hirsch ein.
„Du hast getan, was du konntest“, versuchte der Fuchs, seinen Freund zu trösten.
„Doch es war nicht genug“, erwiderte Lustig und ließ den Kopf hängen. „Es war nicht genug.“
Die drei Rüden warfen sich einen Blick zu, doch keiner von beiden wusste, was man dem Hirschen noch sagen könnte, um ihn zu trösten.
Daher sagte Streuner: „Ich frage mich, was ihn getötet hat.“
Der Blaufuchs begann, nach Spuren zu suchen.
„Das kannst du dir sparen“, wandte sich Lustig an ihn. „Der Regen gestern war so stark, dass er sämtliche Spuren weggeschwemmt hat.“
„Du hast Recht“, stellte Streuner resigniert fest. „Der Boden ist so aufgeweicht, dass keine brauchbaren Spuren zurückgeblieben sind. Und ich kann auch keinen Geruch mehr wahrnehmen.“
„Das habe ich dir doch gesagt“, erwiderte der weiße Hirsch und wandte sich nun ab, um endlich zu seiner Herde zurückzukehren.
Die Anderen sahen ihm nach.
„Er tut mir sehr Leid“, sagte Anmut traurig.
„Ja“, pflichtete Nachtwind ihr bei. „Mir auch.“
Die Füchse suchten noch kurz nach Spuren, gaben es dann aber endgültig auf. Keiner von ihnen hatte eine Idee, wer Einsam so zugerichtet haben könnte.
Placker berief für den nächsten Tag eine Versammlung ein. Offensichtlich hatten sie es hier mit einer neuen Gefahr zu tun. Der junge Anführer wollte lieber kein Risiko eingehen.

Kurz darauf gingen Placker und Nachtwind nach Hause. Lauscher und Flitzi waren bei ihnen, denn die beiden Hasen wollten es so lange wie möglich ausnutzen, dass Raubtiere sie verteidigen konnten, sollten diese fremden Tiere angreifen. Offiziell war die Begründung jedoch, dass sie mit Placker noch zu einem Rennen überreden. Da dieser aber jedem möglichen Termin zustimmte, die beiden Hasen aber immer noch nicht gehen wollten, waren die Renntermine für die nächste Zeit gesichert.
„Und was ist mit überüberüberübermorgen?“ fragte Flitzi.
„Ich denke, das lässt sich einrichten“, gab Placker zurück.
Flitzi schnappte hörbar nach Luft. Warum stimmte Placker nur so schnell zu?
„Und überüberüberüber...“, begann die Häsin wieder, vollendete den Satz jedoch nicht, da sie erstens vergessen hatte, wie viele „Übers“ jetzt dran waren, und da sie zweitens Sturm vor Nachtwinds und Plackers Bau entdeckte.
„Wer ist das denn?“ fragte sie sogleich.
Nachtwind war sofort stehen geblieben, als sie Sturm erkannt hatte. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, und sie erinnerte sich wieder an das ungute Gefühl, dieses Gefühl des Verlassenseins, das der Traum der letzten Nacht ihr ausgelöst hatte.
„Das erkläre ich dir später“, sagte Placker zu seiner Hasenfreundin.
Dann wandte er sich an Nachtwind: „Ich begleite Flitzi und Lauscher nach Hause.“
Die Fähe warf ihm einen verzweifelten Blick zu. Placker wusste, dass sie Angst hatte, dass sich jeden Augenblick Standhaft aus dem Hinterhalt auf sie stürzen könnte.
„Keine Angst“, flüsterte er ihr daher ins Ohr. „Ich bleibe in der Nähe.“
Dann trabte er von den beiden Hasen begleitet davon.

„Guten Tag, Schwester!“ rief Sturm fröhlich, als Nachtwind zu ihm kam.
„Guten Tag!“ erwiderte die Fähe den Gruß, wenn auch nicht gerade fröhlich. „Aber nenn mich bitte nicht deine Schwester. Denn es ist noch nicht geklärt, ob ich es tatsächlich bin.“
„Natürlich bist du es!“ rief der Rüde empört aus.
„Das werden wir erst noch sehen“, erwiderte die Fähe.
Sturm warf ihr einen irritierten Blick zu. Wie konnte sie nur an einer so offensichtlichen Tatsache zweifeln?
„Nun gut“, sagte er. „Wie versprochen erzähle ich dir etwas aus unserer Welpenzeit.“
„Nein“, entgegnete Nachtwind, die immer noch dieses ungute Gefühl verspürte. „Erzähl mir lieber, warum mich meine Ziehmutter alleine in ihrem Revier gefunden hat. Wenn du wirklich mein Bruder bist, warum hast du mich dann alleine gelassen?“
Sturm senkte traurig den Blick.
„Das habe ich nicht“, sagte er. „Ich dachte, ich hätte dich verloren.“
Und er begann zu erzählen: „Wir waren noch sehr junge Welpen, als eines Nachts Vater nicht von der Jagd zurückkehrte. In der darauffolgenden Nacht machte sich Mutter auf die Suche nach ihm, doch auch sie kehrte nicht zurück. Wir warteten und warteten. Doch schließlich trieben uns der Hunger und die Angst um unsere Eltern aus dem Bau. Wir suchten nach ihnen, doch ein Gewitter kam auf. Wir liefen durch den prasselnden Regen, doch das Donnergrollen war so laut, und der Regen peitschte so dermaßen um uns, dass wir kaum etwas hören oder sehen konnte. Und als ich endlich einen Unterschlupf gefunden hatte, musste ich mit Erschrecken feststellen, dass du nicht mehr hinter mir warst. Ich wartete ab, bis das Unwetter vorbei war, und machte mich dann auf die Suche nach dir. Aber ich konnte dich einfach nicht finden. Irgendwann traf ich auf einen jungen Fuchs, der mir erzählte, dass Jäger in der Gegend ihr Unwesen trieben und dass ihnen wohl unsere Eltern und höchstwahrscheinlich auch du zum Opfer gefallen waren. Schweren Herzens folgte ich dem Rat dieses Fuchses und machte mich auf den Weg in die Stadt.“
Die Fähe hatte nachdenklich den Blick zu Boden gerichtet. Während Sturms ganzer Erzählung hatte sie noch stärker diese dunkle Kälte gespürt. Ob sie daher kam? Nachtwind wusste es nicht. Sie wusste nur, dass, sobald sie an die Vergangenheit dachte, diese Kälte in ihr war, diese Angst. Ganz so, als sollte sie sich besser nicht erinnern.
Sturm bemerkte ihren Kummer, und das Letzte, das er wollte, war, ihr Kummer zu bereiten. Fieberhaft suchte er nach einer Lösung, und es fiel ihm auch etwas ein.
„Wie wär’s jetzt mit einer fröhlicheren Geschichte?“ fragte er schnell.
Nachtwind erwiderte nichts, also fuhr der Rüde fort: „Weißt du noch, woher wir unsere Namen haben?“
Die Fähe warf ihm einen Blick zu.
„Ach ja“, sagte er lächelnd. „Du weißt es natürlich nicht. Also, als wir das erste Mal Jagdunterricht hatten, hast du dich beim Anschleichen unglaublich geschickt angestellt. Vater meinte daher, dass du ihn an den Nachtwind erinnern würdest, der sanft über das Gras streicht. Ich hingegen lief immer gleich drauf los und stürzte mich unglaublich schnell auf die Beute. Daher verglich Vater mich mit einem Sturm, der ...“
„...der plötzlich aufzieht“, vollendete Nachtwind den Satz, ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben.
„He!“ rief Sturm fröhlich. „Du erinnerst dich!“
Nachtwind schreckte hoch. Sie hatte gar nicht wirklich mitbekommen, was sie gesagt hatte. Sie hatte mehr den Eindruck, als hätte sie geträumt.
„Nein, tu ich nicht“, gab sie zurück. „Ich habe nur geraten!“
Der Rüde sah sie nachdenklich an.
„Warum wehrst du dich so dagegen, dich zu erinnern?“ fragte er.
„Weil du gesagt hast, dass Wolke dich geschickt hat!“ rief die Fähe aus. „Deswegen glaube ich, dass das alles nur ein Trick ist.“
„WAS? Du glaubst mir nicht?!“ erwiderte der Rotfuchs.
„Nein!“ war Nachtwinds Antwort.
Der Rüde sah sie bestürzt an.
„Du glaubst mir also wirklich nicht“, sagte er traurig.
Er wandte sich um und wollte gehen.
„Warte!“ rief Nachtwind. Der Rüde wandte sich ihr zu. „Einerseits würde ich dir ja gerne glauben, ja wirklich. Aber andererseits ist es gefährlich, vor allem, wenn Wolke im Spiel ist.“
„Und außerdem möchte ich, dass dieses ungute Gefühl wieder weggeht“, fügte sie in Gedanken hinzu. „Und das geht nur, wenn ich mich nicht zu erinnern versuche.“
„Ich weiß, dass Wolke dich sehr verletzt hat“, erwiderte der Rotfuchs. „Sie hat mir selbst alles erzählt. Aber ich kann dir nur sagen, dass ihre Entschuldigung ehrlich gemeint ist. Ich verstehe, dass du Zweifel an dieser ganzen Situation hast, aber gib’ Wolke bitte eine Chance. Und mir auch.“
Mit diesen Worten wollte er seinen Weg fortsetzen, doch Nachtwind rief noch einmal nach ihm.
„Eines noch“, sagte sie. „Wie sah unsere Mutter aus?“
Sturm sah sie überrascht an, ehe er lächelnd antwortete: „Sie war sehr schön. Sie hatte schwarze Beine, so wie wir, ihre Augen waren schwarz umrandet wie meine, und ihre Kopfzeichnung war ebenfalls schwarz. Sie hatte überhaupt eine sehr dunkle Fellzeichnung.“
Als er geendet hatte, nickte er der Fähe zu und machte sich dann auf den Weg zurück zur Grenze. Zurück blieb eine ziemlich verwirrte Nachtwind. Sturm hatte eben exakt die Füchsin aus ihrem Traum beschrieben.

Kaum dass Sturm gegangen war, trat Placker zu seiner Gefährtin.
„Und?“ fragte er diese. „War’s schlimm?“
Nachtwind senkte den Kopf und begann zu weinen.
„Ja“, erwiderte sie schluchzend und schmiegte sich an ihren Gefährten. „Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll. Und diese Kälte geht einfach nicht weg!“
Placker verstand zwar nicht, was das mit der Kälte zu bedeuten hatte, doch er sagte nichts, sondern ließ Nachtwind sich an seiner Brust ausweinen und richtete nur ab und zu ein beruhigendes Wort an sie.
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Re: Wie die Geschichte weiterging II (Staffel 5)

Beitragvon Andrea O'Down » Mo 25. Feb 2013, 14:56

Kapitel 4: Die erste Sichtung

Nachdenklich blickte Placker zu seiner Gefährtin. Die Fähe lag in einiger Entfernung zu ihm in der Mittagssonne. Doch der warme Sonnenschein schien nicht bis zu ihr durchzudringen, denn sie machte einen traurigen Eindruck.
Es waren nun schon ein paar Tage vergangen, seit Sturm bei ihr aufgetaucht war, und Placker konnte sich nicht helfen, aber die Begegnung mit ihm hatte die junge Fähe verändert. Sie war wie ausgewechselt. Anstatt wie sonst fröhlich schien sie nur betrübt zu sein. Und dem jungen Rotfuchs war auch aufgefallen, dass Nachtwind unter Alpträumen litt. Er hörte sie oft im Schlaf wimmern.
Placker seufzte. Es zeriss ihm förmlich das Herz, sie so zu sehen. Aber was konnte er tun?
Der Rüde wandte seinen Blick ab und rief sich stattdessen die gestrige Versammlung ins Gedächtnis. Viel hatte sie nicht gebracht, denn niemand der Anwesenden hatte sagen können, welches Tier – außer einem Menschen – einen Hirsch töten konnte. Und Menschen waren es eindeutig nicht gewesen.
Dann dachte Placker an die Wiesel, die gestern wieder einen unglaublichen Auftritt bei dem Treffen geliefert hatten. Caro und Cora waren wie immer schweigend und ihre Mutter ignorierend an dieser vorbei stolziert. Die beiden waren offensichtlich immer noch sauer, weil das Wiesel sie aus dem Bau geworfen hatte. Placker wunderte sich immer wieder, wie stur Wiesel doch sein konnten. Jedenfalls war das Wiesel ihren beiden Jungen nach Ende der Versammlung wieder hinterher gelaufen und hatte beteuert, wie Leid ihr das alles tue. Caro und Cora hatten aber wie immer nicht reagiert. Hinterdrein war ein schweigender Wusel gelaufen, der – wie alle Anderen auch – schon genau gewusst hatte, was als Nächstes kommen würde. Das Wiesel fing an zu heulen, wie ungerecht die Welt doch sei, und lief plärrend davon – dicht gefolgt von ihrem Gefährten, der ihr immer wieder nachrief, wie sehr er sie liebe und wie hinreißend sie doch sei.
Placker kannte den Ablauf schon zur Genüge und war sich sicher, dass er ihn gewiss nachspielen könnte. Bei diesem Gedanken musste er lächeln. Das wäre doch was! Er als Wusel, Nachtwind als Wiesel und Flitzi und Lauscher als Caro und Cora. Sein Lächeln wurde breiter, als er beschloss, bei nächster Gelegenheit Nachtwind davon zu erzählen, doch dieses Lächeln erstarb jäh, als er sah, wie seine Gefährtin immer noch in der Sonne lag und trübe Gedanken wälzte.

Nachtwind nahm die warmen Sonnenstrahlen nur wie durch einen dichten Nebel wahr. Sie erreichten nicht ihr Herz. Die ganze Nacht war sie wieder von Alpträumen gequält worden. Immer wieder hatte sie von der fremden Füchsin geträumt, die sich vor ihren Augen auflöste. Einmal war auch noch ein Fuchs an ihrer Seite gewesen. Und diese kalte Dunkelheit hatte Nachtwind im Traum noch stärker umfangen als sonst.
Die junge Fähe seufzte und dachte an Sturm. Er war seit seinem letzten Treffen nicht mehr aufgetaucht. Wahrscheinlich wartete er auf eine Nachricht von ihr. Sie musste zugeben, dass er ihr Leid tat. Da glaubte er, endlich seine Schwester wiedergefunden zu haben, und dann so etwas!
Die Rotfüchsin wandte ihren Blick zum Himmel und betrachtete die Wolken. Sie verstand sich ja selbst nicht mehr! Dieses Verhalten, das sie Sturm gegenüber an den Tag legte, sah ihr überhaupt nicht ähnlich. Aber sie konnte es sich einfach nicht erklären. Immer wenn sie versuchte, sich zu erinnern, kroch diese Angst in ihr hoch, und ihr war, als würde sie gegen eine schwarze Mauer laufen.
Jede andere Fähe an ihrer Stelle hätte sich gefreut, ihren Bruder wiederzufinden, und hätte geduldig darauf gewartet, bis ihre Erinnerungen zurückkehrten. Doch sie konnte das nicht. Irgendetwas in ihr wollte nicht, dass sie sich erinnerte. Aber sie verstand einfach nicht, was das sein könnte. Was war nur mit ihr los?
Nachtwind stand auf. Sie hatte eine Idee.
„Ich gehe zu Legende!“ rief sie ihrem Gefährten zu.
„Sei vorsichtig!“ erwiderte dieser. „Wir wissen nicht, was für ein Tier....“ Doch weiter kam er nicht, denn die Rotfüchsin war schon zwischen den Bäumen verschwunden.

Wenig später erreichte sie den Bau der alten Füchsin.
„Legende, bist du da?“ fragte Nachtwind, aber sie erhielt keine Antwort. Daher betrat sie einfach den Bau.
In der Schlafkammer fand sie dann ihre Ziehmutter vor. Legende schlief, doch irgendwie musste sie die Anwesenheit der jüngeren Fähe gespürt haben, denn sie schlug die Augen auf.
„Ah, mein Kind“, sagte sie erfreut. „Wie geht es dir?
„Es geht so“, erwiderte Nachtwind. „Darüber wollte ich eigentlich mit dir sprechen.“
Doch bevor sie fortfahren konnte, ließ sie ihren Blick über die alte Füchsin streifen und erkannte, dass diese ein wenig abgemagert war.
„Wann warst du das letzte Mal jagen?“ fragte sie daher sogleich.
„Ach, das muss schon eine Weile her sein“, antwortete Legende. „Ich bin in letzter Zeit zu müde dazu.“
„Warte hier!“ sagte Nachtwind schnell. „Ich werde dir etwas zu fressen besorgen.“
Und schon machte sie sich auf den Weg. Kaum dass sie den Bau verlassen hatte, fragte sich die junge Fähe sogleich, warum ihr noch nie aufgefallen war, wie alt Legende tatsächlich war.

„Warum müssen wir das eigentlich machen?“ fragte Hollo seine Gefährtin, neben der er soeben auf dem Ast eines Baumes gelandet war. „Placker hat gesagt, wir sollen alle die Augen offen halten. Von Rundflügen hat er nichts gesagt, was?“
„Aber er hat es bestimmt gemeint“, erwiderte die Eule.
„Außerdem lasse ich mich nicht noch einmal von diesen Fischfängern ausbooten“, fuhr sie schnippisch fort. „Flinki hat das mit den Fallen entdeckt, also werde ich herausfinden, was für ein Tier den jungen Hirschen getötet hat.“
„Meinst du nicht ,wir’?“ fragte Hollo.
„Dann eben wir!“ gab die Eule genervt zurück. „Und jetzt weiter!“
Und schon hatte sie sich wieder in die Lüfte erhoben.
Hollo seufzte, ehe er ihr folgte.

Es dauerte eine Weile, bis Nachtwind endlich ein unvorsichtiges Kaninchen erwischt hatte, und mit ihrer Beute zu Legendes Bau zurückkehrte. Sie wartete, bis diese ihr offensichtlich erstes Mahl seit Tagen verspeist hatte, ehe sie ihr ihr Leid klagte.
„Und das verstehe ich nicht“, schloss Nachtwind ihre Erzählung. „Jedes Mal, wenn ich mich erinnern möchte, ist es, als würde ich gegen eine schwarze Wand knallen.“
„Hmmmm“, machte Legende. „Hat Sturm dir nicht erzählt, dass eure Eltern verschwunden sind?“
Nachtwind nickte.
„Und er sagt auch, dass er dich in diesem Gewitter verloren hat?“
Abermals nickte die Fähe.
„Vielleicht denkt irgendetwas in dir, dass sie dich im Stich gelassen haben“, schloss Legende ihre Überlegungen.
Nachtwind ließ sich das durch den Kopf gehen.
„Möglich“, sagte sie schließlich. „Aber damit wäre immer noch nicht geklärt, ob er überhaupt die Wahrheit sagt. Ich meine, immerhin hat er von Wolke erzählt.“
„Ich glaube nicht, dass er dich anlügt“, erwiderte die alte Fähe. „Als ich dich damals gefunden habe, hast du während deiner Fieberträume immer wieder ,Sturm’ gesagt. Ich dachte erst, du würdest das Gewitter meinen. Aber offensichtlich hast du nach deinem Bruder gerufen.“
Nachtwind fiel förmlich die Kinnlade runter.
„Dann... dann ist er tatsächlich mein Bruder?“ stotterte sie.
„Vermutlich“, antwortete ihre Ziehmutter und sah sie ruhig an.
„Dann sollte ich mit ihm reden“, sagte Nachtwind und stand auf.
Sie verabschiedete sich von Legende und wollte gehen. Sie hatte schon ein paar Schritte zum Ausgang gemacht, als sie inne hielt. Ihr war eben ein Gedanke gekommen.
Noch einmal wandte sie sich an ihre Ziehmutter: „Zeigst du mir morgen, wo du mich gefunden hast?“
„Natürlich“, erwiderte diese lächelnd.
Nachtwind nickte ihr zu und verließ dann den Bau.

Das Wiesel hatte sich diesen Nachmittag vor dem hohlen Baum, den ihre Jungen bewohnten, eingefunden. Wusel war wie immer an ihrer Seite.
„Jetzt kommt doch endlich raus und redet mit mir!“ rief das Wiesel. „Ihr könnt nicht ewig böse auf mich sein! Ich bin doch eure Mutter!“
„Ja, und was für eine Mutter!“ keifte Cora und steckte kurz den Kopf aus dem hohlen Baum, um ihrer Mutter einen wütenden Blick zuzuwerfen.
Caro, der auf einem der oberen Äste lag und die Beine baumeln ließ, sagte einfach nur: „Gut so, Cora! Zeig’s ihr!“
„Aber irgendwann hättet ihr unseren Bau doch ohnehin verlassen!“ erwiderte das Wiesel verzweifelt.
„Ja, aber wir hätten den Zeitpunkt bestimmt und nicht du!“ schrie Cora, ohne sich jedoch diesmal die Mühe zu machen, überhaupt aus dem hohlen Baum zu blicken, so dass ihre Stimmte bedrohlich hallte.
Das Wiesel begann wieder zu weinen.
„Niemand liebt mich!“ plärrte sie, machte auf dem Absatz kehrt und rannte davon. Die Tränen schossen nur so aus ihren Augen.
„Doch ich!“ rief Wusel, der ihr sofort folgte.
„Ich liebe dich! Du bist hinreißend!“ sagte er immer wieder mechanisch, als er seiner Gefährtin folgte, aber irgendwie schaffte er es heute nicht, mit ihr Schritt zu halten. Entweder war sie schneller als er oder aber er war heute zu müde, da er dieses Schauspiel zu oft mitgemacht hatte. Auf alle Fälle hatte er sie bald aus den Augen verloren.
„Du bist hinreißend, wenn du verschwunden bist!“ rief er noch, ehe er zugeben musste, dass er sie beim besten Willen weder hören noch sehen konnte.
Wahrscheinlich war sie schon auf dem Weg zurück zu ihrem Bau. Also machte auch er sich auf den Weg dorthin.

„Wie lange wollt ihr das eigentlich noch machen?“ fragte eine Stimme wie aus dem Nichts, so dass Caro vor lauter Schreck fast von seinem Ast fiel.
Cora steckte den Kopf ins Freie.
„Ah, hallo, Nachtwind“, sagte sie und kam heraus, um die Fähe zu begrüßen.
Auch Caro kletterte herunter.
„Du hast mich vielleicht erschreckt!“ meckerte er.
„Oh, das tut mir aber Leid!“ sagte Nachtwind mit gespielter Bestürzung, ehe sie in normalem Tonfall hinzufügte: „Das ist aber nichts im Gegensatz dazu, was ihr eurer Mutter antut.“
Die beiden jungen Wiesel sahen sie an.
„Aber sie hat uns rausgeworfen!“ rief Cora empört.
„Und das ist das, was jede normale Tiermutter macht, wenn ihre Jungen zu alt für den elterlichen Bau geworden sind, aber diesen partout nicht verlassen wollen“, gab die Fähe zurück. „Oder hattet ihr vor, euch noch vor dem Winter ein eigenes Heim zu suchen?“
Die Geschwister blickten betreten zu Boden.
„Also nicht“, gab Nachtwind selbst die Antwort auf ihre Frage. „Dann hat das Wiesel also das Richtige getan. Aber wie dem auch sei, sie ist eure Mutter. Ihr solltet euch mit ihr versöhnen.“
Bei ihren letzten Worten wirkte die Fähe sehr nachdenklich, denn ihr war wieder Sturm in den Sinn gekommen. Sie musste ihn bald aufsuchen.
Dann verabschiedete sie sich von Caro und seiner Schwester und machte sich auf den Nachhauseweg.

„Niemand liebt mich!“ heulte das Wiesel immer noch, und diesmal sogar lauter, denn sie konnte Wusels vertraute Antwort darauf nicht hören.
Sie hielt einen Augenblick inne, in dem aber nach wie vor die Tränen aus ihren Augen strömten und ihr die Sicht vernebelten, aber sie musste sich eingestehen, dass sie allein war. Sie war tatsächlich allein! Nun hatte sie sogar Wusel verloren!
Dieser Gedanke löste einen weiteren Weinkrampf aus, und so lag das Wiesel da, den Kopf im Moos verborgen und weinte still weiter, da es jetzt keinen Sinn mehr hatte, laut zu weinen.
Nach einer Weile hob sie wieder den Kopf und sah sich um. Ihr war, als hätte sie etwas gehört.
Und dann sah sie es! Etwas Riesiges bewegte sich nicht weit von ihr! Durch ihren Tränenschleier konnte sie nur einen großen, schwarzen Fleck erkennen, der zwischen den Bäumen hindurchschritt.
Erschrocken wich das Wiesel zurück, stolperte über eine Wurzel und schlug hart mit dem Kopf auf. Dann war es nur mehr schwarz um sie.
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Re: Wie die Geschichte weiterging II (Staffel 5)

Beitragvon Andrea O'Down » Sa 16. Mär 2013, 20:25

Kapitel 5: Nachtwinds Geschichte

Langsam öffnete das Wiesel die Augen. Um sie herum war nichts als Dunkelheit. Erschrocken fuhr sie hoch.
„Ich bin tot!“, rief sie aus. „Tot!“ Und schon quollen ihr dicke Tränen aus den Augen.
Laut fing das Wiesel an zu schluchzen. „Ich bin zu jung zum Sterben!“
„Wiesel?“, fragte da eine Stimme.
Das Wiesel hielt in seinem Heulkrampf inne. „Wusel?“
„Oh, Wiesel, du bist wieder wach!“, rief Wusel und wollte seiner Gefährtin um den Hals fallen, die aber erschrocken zurückwich.
„Wach?“, fragte sie. „Dann bin ich gar nicht tot?“
„Tot?“, Wusel stutzte. „Nein, Wiesel, du warst nur ohnmächtig.“
„Jippiiiieee!“, rief das Wiesel und fiel nun ihrerseits Wusel um den Hals, dem sie einen dicken Schmatz auf die Wange drückte. „Ich lebe! ICH LEBE!!!!!!“
„Moment“, sagte das Wiesel dann kurz darauf und löste sich wieder aus der Umarmung, die Wusel allzu heftig erwiderte. „Wo bin ich hier? Und wie hast du mich vor diesem Riesenvieh gerettet?“
„Riesenvieh?“, fragte Wusel und kratzte sich am Kopf. „Von einem Riesenvieh weiß ich nichts. Ich habe dich vorhin aus den Augen verloren, als du weinend davon gelaufen bist. Ich dachte, du wärst zum Bau zurückgelaufen. Aber als du nicht da warst, habe ich mich noch mal auf die Suche nach dir gemacht und dich im Wald gefunden. Du lagst ohnmächtig auf dem Boden. Und da habe ich dich dann hierher in unseren Bau gebracht.“
„Aber da war ein riesiges Tier!“, erwiderte das Wiesel. „Ich habe es gesehen!“
„Davon habe ich nichts bemerkt“, gestand Wusel.
„Egal“, meinte das Wiesel. „Wir müssen sofort zu Placker. Los!“
Und schon sauste das Wiesel aus dem Bau. Wusel folgte ihr, auch wenn er nicht genau wusste, was hier los war. Aber das war er bei seiner Gefährtin ja schon gewohnt.

Placker lag im Eingang des Baus und blickte in die Nacht hinaus. Allerlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf: diese neue Gefahr, die den Park erreicht hatte, Sturm, der ihm irgendwie Leid tat, und Nachtwind, um die er sich große Sorgen machte. Placker seufzte. Und als hätte Nachtwind gehört, dass er an sie gedacht hatte, war sie plötzlich neben ihm. Die Fähe, die gerade eben noch weiter hinten im Bau geschlafen hatte, legte sich neben den jungen Rotfuchs und schmiegte sich an ihn.
„Mir ist kalt“, sagte sie leise.
„Ach, komm“, erwiderte Placker, der ihr zärtlich über die Stirn leckte, „es ist doch noch sehr mild heute Nacht.“
„Nein“, erwiderte die Fähe. „Diese Kälte hat nichts mit dem Wetter zu tun. Hier ist mir kalt, hier drinnen.“ Und sie hob eine Vorderpfote und deutete auf ihre Brust.
Placker sah sie überrascht an. „Wie das?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Nachtwind. „Immer, wenn ich an meine Vergangenheit zurückdenke, wird mir eiskalt. Ich kann es nicht erklären. Gerade eben hatte ich wieder diesen Albtraum.“
„Albtraum?“, fragte Placker.
Nachtwind nickte und erzählte, was sie seit Sturms Ankunft hier im Park Nacht für Nacht träumte und wie es sie quälte.
Placker hörte ihr aufmerksam zu. Doch tief im Innern freute er sich sogar ein wenig, dass die junge Rotfüchsin sich ihm gegenüber endlich öffnete und ihm erzählte, was sie bewegte. Er verstand sie nun um Einiges besser.
„Und was sagte Legende dazu?“, fragte er, als Nachtwind ihren Traum geschildert hat.
„Sie meint, dass ich mich wahrscheinlich von meiner Familie im Stich gelassen gefühlt habe und mich deswegen nicht erinnern will“, erwiderte diese.
„Klingt einleuchtend“, murmelte der Rotfuchs.
„Irgendwie schon“, gab Nachtwind zu. „Morgen zeigt Legende mir den Platz, wo sie mich als Welpe gefunden hat.“
Die Füchsin sah hinaus ins Dunkel, als sie dies sagte, und senkte ein wenig den Kopf. Placker erkannte, dass sie Angst hatte.
„Du fürchtest dich, nicht wahr?“
„Ja“, erwiderte seine Gefährtin. „Es wird einen Grund dafür geben, warum sich alles in mir sträubt, sich zu erinnern. Und ich habe Angst davor, diesen Grund zu erfahren.“
Placker sah sie ein paar Augenblicke nachdenklich an.
„Ich komme morgen mit“, sagte er schließlich. „Ich bleibe bei dir, egal was passiert.“
Nachtwind wandte ihm einen dankbaren Blick zu und berührte seine Schnauze einen Augenblick sanft mit der ihren.
„Ist dir immer noch kalt?“ fragte Placker.
„Ein wenig“, flüsterte Nachtwind.
„Dagegen müssen wir etwas tun“, sagte der junge Rotfuchs und rieb sanft seinen Kopf an dem seiner Gefährtin. Diese erwiderte die Liebkosung.
Doch die beiden fuhren jäh auseinander, als sie von Weitem eine Stimme hörten.
„PLACKER!!!!“, schrie das Wiesel, und ihre Stimme überschlug sich fast. „PLACKER!“
Und schon war sie am Bau angelangt.
„PLACKER!“, rief sie noch einmal in derselben Lautstärke.
„Ja, Wiesel“, entgegnete der junge Rotfuchs missmutig. „Ich habe dich gehört,. Der ganze Park hat dich gehört. Was gibt es denn?“
„Ich.... ich“, stotterte das Wiesel und rang nach Luft. In dem Augenblick gesellte sich auch Wusel zu der Gesellschaft, der immer noch ziemlich ratlos dreinblickte.
„Ich habe es gesehen!“, stieß sie schließlich keuchend hervor. „Dieses Tier, das den jungen Hirschen getötet hat.“
„Was?!“ Placker fuhr hoch und stieß mit dem Kopf gegen die Decke des Baus. Auch Nachtwind blickte das Wiesel überrascht an, genau wie Wusel, der ebenfalls mit weit aufgerissenen Augen auf seine Gefährtin blickte. Das hatte er ja noch gar nicht gewusst.
„Ja“, rief das Wiesel aufgeregt. „Ich war im Wald, und da ist es plötzlich an mir vorbeispaziert. Es war riesig! So groß wie ein Hirschkalb!“
„Wie sah es denn genau aus?“, fragte Placker.
„Das konnte ich nicht genau erkennen“, antwortete das Wiesel zerknirscht. „Ich habe es nur verschwommen wahrgenommen, weil ich Tränen in den Augen hatte.“
Placker sah sie ein wenig enttäuscht an.
„Aber es war riesig!“, rief das Wiesel abermals.
Placker seufzte.
„Du hast es nicht genau gesehen, Wiesel“, sagte Nachtwind. „Vielleicht war es gar kein fremdes Tier, sondern nur ein Fuchs oder ein Dachs.“
„Nein.“ Das Wiesel schüttelte energisch den Kopf. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Und es war riesig!“
Diesmal untermauerte sie ihre Worte noch, indem sie die Vorderpfoten so weit wie möglich in die Luft streckte.
„Du musst eine Versammlung einberufen“, sagte sie energisch zu Placker, als sie bemerkte, dass die Anderen sie eher ungläubig anstarrten. „Du musst!“
„Nun gut, meinetwegen“, erwiderte Placker. „Vorher gibst du ohnehin keine Ruhe. Morgen Mittag wird es eine Versammlung geben. Gebt bitte allen Bescheid.“
Das Wiesel nickte zufrieden und stapfte davon. Wusel nickte den beiden Füchsen zu und folgte ihr dann.
„Glaubst du ihr?“ fragte Nachtwind, die den beiden nachblickte.
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Placker nachdenklich.
Dann wandte er sich lächelnd an seine Gefährtin. „Wo waren wir vorhin stehen geblieben?“
Nachtwind erwiderte das Lächeln und schmiegte sich an ihn.

Am nächsten Tag hatten sich alle Thalerwaldtiere zur Versammlung eingefunden. Placker sah in die Runde.
„Wie ihr alle wisst“, begann er, „hat eine neue Gefahr den Park erreicht. Ich habe diese Versammlung heute einberufen, weil das Wiesel uns diesbezüglich etwas mitzuteilen hat.“
Das Wiesel trat einen Schritt vor.
„Ich habe das Tier gesehen, das den jungen Hirschen gerissen hat“, sagte sie ernst.
Ein überraschtes Raunen ging durch die Menge, nur die Eule rief laut „Verdammt!“, ehe sie sich mit dem Flügel auf den Schnabel schlug, weil ihr das so rausgerutscht war, und etwas von einer Entschuldigung murmelte.
„Ja“, fuhr das Wiesel fort. „Es war ein riesiges Tier. So groß wie ein Hirschkalb.“
„Wie genau sah es denn aus?“ fragte ein Eichhörnchen.
„Das ... ähm ... das weiß ich nicht“, sagte das Wiesel zögerlich. „Ich konnte es nur ungenau sehen. Ich hatte Tränen in den Augen und sah alles verschwommen.“
Die Tiere warfen sich Blicke zu, die dem Wiesel gar nicht gefielen.
„Aber es war riesig!“ rief das Wiesel und begleitete diesen Ausruf mit derselben Geste, die sie schon gestern vor Placker und Nachtwind gemacht hatte.
„Aber Wiesel“, warf die Füchsin ein. „Wer weiß, was du wirklich gesehen hast. Vielleicht haben dir deine Augen nur einen Streich gespielt.“
„Nein!“ Das Wiesel schüttelte den Kopf. „So etwas habe ich hier im Park noch nie gesehen.“
Die Tiere sahen das Wiesel immer noch ungläubig an. Nur die Eule lächelte hochmütig und selbstzufrieden vor sich hin.
„Ich hatte unglaubliches Glück“, sprach das Wiesel weiter. „Dieses Vieh hätte mich auch töten können! Dann hätte ich mich nie mit meinen Kleinen versöhnen können!“
Traurig senkte sie den Kopf. Tränen traten ihr in die Augen, doch als sie den Kopf hob, sahen die Tiere sie immer noch auf dieselbe Weise an. Nur Caro und Cora starrten betreten zu Boden.
„Bitte!“ kreischte da das Wiesel. „Dann glaubt mir eben nicht! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!“
Und schon machte sie kehrt und ging, die Nase in die Luft gestreckt, davon. Wusel folgte ihr.
Caro und Cora sahen sich eine Weile an, ehe auch sie hinter ihrer Mutter herliefen.
„Wir glauben dir, Mama!“ riefen sie wie aus einem Munde.
Das Wiesel blieb abrupt stehen und drehte sich um. Und schon lagen die beiden jungen Wiesel in den Armen ihrer Mutter. Auch Wusel schloss sich der Umarmung an.
„Nun denn“, sagte Placker, und die Anwesenden wandten sich von dem Schauspiel, das die Wieselfamilie bot ab und sich ihm zu, „nehmen wir das dennoch nicht auf die leichte Schulter. Ich bitte euch alle um erhöhte Vorsicht. Die Versammlung ist hiermit beendet.“

An diesem Nachmittag kamen Nachtwind und Placker auf ihrem Weg zu Legende an dem hohlen Baum vorbei, den Caro und Cora bewohnten. Ihnen bot sich dort ein Anblick der schönsten Harmonie. Die gesamte Wieselfamilie war versammelt. Caro und Cora schmiegten sich an ihre Mutter.
„Wir sind so froh, dass dir nichts passiert ist“, sagte Cora.
„Es tut uns so Leid, dass wir so gemein zu dir waren“, sagte Caro.
„Und mir tut es Leid, dass ich euch so plötzlich rausgeworfen habe“, sagte das Wiesel.
„Und mir tut es Leid, dass ich...“, begann Wusel, aber ihm fiel nichts ein, das ihm Leid tun könnte. Also begnügte er sich damit, seine Gefährtin zu umarmen.
Die vier bemerkten gar nicht, dass das junge Fuchspaar an ihnen vorüber schritt.
Placker warf einen nachdenklichen Blick zurück zu den Wieseln.
„Meinst du, dass das Wiesel sich das vielleicht nur ausgedacht hat, um sich mit Caro und Cora zu versöhnen?“ fragte er seine Gefährtin.
„Das glaube ich eigentlich nicht“, antwortete diese. „Es wäre doch sehr unfair. Aber selbst wenn: Sie hatte doch Erfolg damit.“
Und die junge Rotfüchsin warf lächelnd einen Blick zurück zu der glücklichen Wieselfamilie.
„Ich frage mich, wie lange das anhält“, sagte Placker, als sie ihren Weg fortsetzten.
Und gerade in diesem Augenblick hörten sie hinter sich das Wiesel rufen: „Wusel, du Hohlkopf! Nicht so fest! Du erwürgst mich ja!“

Kurz darauf erreichten Nachtwind und Placker Legendes Bau. Nachtwind zögerte. Erst nach einem aufmunternden Blick ihres Gefährten rief sie nach der alten Fähe.
Langsam kam Legende aus dem Bau. Auch Placker stellte fest, wie sehr diese gealtert war.
„Guten Tag, mein Kind! Guten Tag, Placker!“ begrüßte sie die beiden, die den Gruß erwiderten.
Legende ging voran zu der Stelle, an der sie die kleine Nachtwind gefunden hatte.
„Hier ist es“, sagte sie schließlich und deutete auf eine Stelle unter einem Busch. Der Busch befand sich am Fuße einer Böschung.
Nachtwind trat näher. Sie besah sich die Stelle genau. Zuerst blickte sie unter den Busch, dann die Böschung hinauf.
Plötzlich hörte sie wieder das Peitschen des Regens um sich.
„Es hat geregnet“, sagte sie.
Und auf einmal hörte sie nicht nur das Peitschen des Regens, die ganze Umgebung wandelte sich. Es war kein sonniger Herbstnachmittag mehr, nein, es war eine stürmische Nacht. Wie aus weiter Ferne hörte sie Placker ihren Namen rufen, bis auch dessen Stimme sich wandelte. Und diese Stimme rief nicht mehr ihren Namen, sondern sie rief „Sturm!“. Nachtwind spürte auf einmal den Regen, der ihr Fell durchtränkte. Und dann sie es, nein, vielmehr sah sie sich selbst.
Sie sah sich als Welpe die Böschung entlang laufen.
„Sturm! Sturm!“ rief die kleine Nachtwind. „Wo bist du? Das ist nicht lustig! Komm zurück! Sturm!“
Und da passierte es. Sie rutschte auf dem nassen Gras aus und schlitterte die Böschung hinab. Am Fuße der Böschung blieb sie liegen.
Mühsam richtete sie sich auf und sah sich abermals um. Wieder rief sie nach ihrem Bruder. Verzweifelt versuchte die Kleine, die Böschung hoch zu klettern, doch sie rutschte immer wieder in dem nassen Gras aus. Irgendwann gab sie es auf und setzte sich mit hängendem Kopf hin. Dicke Tränen liefen ihr Wangefall hinab, und sie schluchzte laut auf.
„STURM!!!!!“ rief sie noch einmal in die Nacht hinaus, und all ihre Verzweiflung lag in diesem Ruf.
Als aber wieder keine Antwort kam, kroch die kleine Fähe weinend unter den Busch.
„Mama, Papa, Sturm“, schluchzte sie. „Warum habt ihr mich denn allein gelassen? Habt ihr mich denn nicht mehr lieb? Warum seid ihr nicht da?“
Und da spürte Nachtwind es wieder. Sie spürte, wie in dem Welpen und in ihr selbst diese kalte Angst hoch kroch. Die Kälte schien ihr das Herz zusammen zu schnüren. Nachtwind schnappte nach Luft und sah, wie die kleine Fähe zitterte. Auch sie fing angesichts dieser Kälte in ihrem Innern zu zittern an.
Auf einmal schlug die Szene um. Es war nicht mehr Nacht, sondern helllichter Tag, und auch das Gewitter war strahlendem Sonnenschein gewichen. Nachtwind sah, wie Legende, die noch etwas jünger wirkte, an den Busch herantrat, unter dem die kleine Nachtwind sich versteckt hatte.
„Keine Angst“, sagte Legende beschwichtigend. „Ich tue dir nichts. Wie heißt du denn, mein Kleines?“
„Nachtwind“, sagte die kleine Fähe leise.
„Ganz ruhig, Nachtwind“, sagte Legende. „Jetzt ist alles gut. Ich bin ja da.“
Und die alte Fähe hob die kleine Nachtwind behutsam am Nackenfell hoch und trug sie davon. Nachtwind sah ihnen nach.
Abermals veränderte sich alles um sie herum. Sie sah sich und Sturm als Welpen, wie sie miteinander balgten. Sie sah sich, wie sich an das warme Brustfell ihrer Mutter schmiegte, und wie sie ihrem Vater stolz einen Schmetterling, ihre erste Beute, vor die Pfoten legte. Plötzlich erschien ihr alles so klar. Ihre Vergangenheit, sie hatte sie wieder.
„Nachtwind!“ rief Placker besorgt und holte die Fähe so in die Realität zurück. „Du hast am ganzen Leib gezittert. Ist alles in Ordnung?“
„Ja“, erwiderte die Fähe. „Es ist alles gut. Besser sogar! Viel besser!“
Und sie bemerkte, wie Tränen ihr Wangenfell hinabliefen.
„Nachtwind, du weinst ja!“ sagte Placker und trat näher an seine Gefährtin heran. Diese schmiegte sofort ihren Kopf an seine Brust.
„Das macht nichts!“, sagte sie. „Es sind ja Freudentränen.“
Und erleichtert fügte sie nach einer Weile hinzu: „Placker, er hat die Wahrheit gesagt, ich weiß es wieder. Er ist mein Bruder! Sturm ist mein Bruder!“
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Re: Wie die Geschichte weiterging II (Staffel 5)

Beitragvon Andrea O'Down » Fr 22. Mär 2013, 21:42

Kapitel 6: Ein neues Opfer

Nachtwind lief, so schnell sie konnte. Nachdem sie sich wieder gefangen und Placker und sie Legende nach Hause gebracht hatten, gab es für sie kein Halten mehr. Sie war unterwegs zur Grenze des Parks, um Sturm zu suchen. Selbst Placker, der bekanntlich ein sehr schneller Läufer war, konnte kaum mit der Fähe mithalten.
Sie schossen an Flitzi und Lauscher vorbei, die gerade auf einer Wiese fangen spielten. Ohne zu zögern, folgten die beiden Hasen den Füchsen.
„Placker, was ist denn los?“ fragte die Häsin den jungen Fuchs.
„Nachtwind hat sich nun wieder daran erinnert, was in ihrer Vergangenheit passiert ist“, antwortete dieser, ohne jedoch nur im Geringsten langsamer zu werden. „Sie weiß nun, dass Sturm tatsächlich ihr Bruder ist.“
Lauscher blieb kurz stehen, trommelte schnell ein paar Mal mit dem Hinterbein auf den Boden und beeilte sich dann, die Anderen wieder einzuholen, was ehrlich gesagt gar nicht so einfach war.
„Ja“, rief Flitzi. „Mich freut das auch, Lauscher.“
Endlich war die Grenze erreicht. Nachtwind blieb abrupt stehen, denn sie hatte ganz vergessen, dass es hier einen Zaun gab. Sie schaffte es gerade noch, knapp vor dem Zaun stehen zu bleiben, und sah sich dann suchend um.
„Sturm!“ rief die Fähe schließlich. „Sturm, bist du hier irgendwo?“
Statt einer Antwort schlüpfte der Gesuchte durch den Zaun. Fragend sah der Rüde Nachtwind an.
„Sturm!“ rief diese und vergrub ihr Gesicht im Brustfell des Rotfuchses. „Ich weiß es jetzt wieder. Du bist mein Bruder. Du hast mir so gefehlt!“
Sturm berührte den Kopf der Fähe sanft mit der Schnauze. „Du hast mir auch gefehlt, Schwester.“
Placker, Flitzi und Lauscher beobachteten gerührt die Szene.
„Es tut mir Leid, dass ich dir nicht geglaubt habe“, sagte Nachtwind schließlich und trat einen Schritt zurück. „Ich hoffe, du kannst mir mein Verhalten verzeihen.“
„Vergeben und vergessen“, erwiderte Sturm lächelnd.
Dann sah er zum Zaun. Nachtwind folgte seinem Blick und erkannte Wolke, die sie von der anderen Seite des Zaunes aus beobachtete.
Nachtwind zuckte kurz zurück.
„Du musst ihr noch nicht verzeihen, wenn du nicht bereit dafür bist“, sagte Sturm.
Seine Schwester überlegte einen Augenblick.
„Doch, ich bin es“, sagte sie schließlich und trat an den Zaun.
Placker und die beiden Hasen kamen ebenfalls näher.
„Ich habe gehört, dass du mir etwas zu sagen hast“, sprach Nachtwind.
„Ja“, erwiderte Wolke und senkte beschämt den Kopf. „Nachtwind, es tut mir Leid, was meine Mutter und ich dir angetan haben. Ich habe viel Unrecht an dir begangen, und ich bitte dich aus tiefstem Herzen um Verzeihung. Ich erwarte gar nicht, dass du mir heute verzeihst oder morgen. Wenn du mir nur irgendwann verzeihen kannst, ist es schon genug für mich.“
„Ich verzeihe dir“, antwortete die Fähe jedoch, ohne zu zögern,
Wolke sah sie verdutzt an.
„Ich habe mich eben daran erinnert, wie du bei unserem letzten Treffen auf mich gewirkt hast“, erklärte Nachtwind. „Du hattest alles verloren, was deine Mutter dir versprochen hatte. Deine Mutter hatte dich belogen und benutzt, so wie sie uns alle belogen und benutzt hat. Du warst orientierungslos, doch wenn ich betrachte, so wie du jetzt vor mir stehst, weiß ich, dass du deine Fehler wieder gut zu machen wünschst und deinen Weg gefunden hast.“
„Ich danke dir, Nachtwind“, rief Wolke fröhlich, und wäre nicht der Zaun zwischen ihnen gewesen, sie hätte die andere Fähe vor lauter Freude wohl umgeworfen. „Du hast so viel für mich getan, und nun verzeihst mir auch noch!“
Nun war es an Nachtwind, verdutzt dreinzublicken.
„Für dich getan?“, fragte sie.
„Ja.“ Wolke nickte. „Als ich vor dem Nichts stand und mich wie ein Nichts fühlte, hast du mir gesagt, dass ich Wolke sei. Und dieser eine Satz, Nachtwind, hat mich nachdenken lassen. Und ich erkannte, wie meine Mutter wirklich war und wie sehr sie mich beeinflusst hatte.“
„Und dann hast du dich von ihr getrennt, nehme ich an“, sagte Nachtwind und sah sich um. „Zumindest sehe ich sie hier nirgends.“
„Nein“, erwiderte Wolke und senkte traurig den Kopf. „Meine Mutter ist tot. Als wir in die Stadt zurückkamen, erkannte sie unser Clan nicht mehr als Anführerin an. Meine Geschwister hatten sich von den Gefährten und Gefährtinnen getrennt, die Mutter für sie ausgesucht hatte. Alles, was sie sich an Macht aufgebaut hatte, war verloren. Ihr ganzes Lebenswerk lag in Trümmern. Und als sie das erkannte, brach sie endgültig zusammen. Sie wurde sehr krank und redete ständig wie im Fieber. Aber auch nach allem, was geschehen war, konnte ich sie nicht verlassen. Sie war immer noch meine Mutter, und ich blieb bei ihr. Vor ein paar Tagen ist sie dann gestorben, und ich machte mich auf den Weg hierher, um dich um Verzeihung zu bitten und dir zu danken. Das habe ich nun getan.“
Die Fähe wandte sich nun um und schien gehen zu wollen.
„Wolke, warte!“, rief Nachtwind. „Wieso bleibst du nicht hier und lebst mit uns im Park?“
Wolke sah sie überrascht an. „Aber die Verbannung...“
Placker trat nun ebenfalls näher an den Zaun. Er sah seine Gefährtin an, und als diese ihm zunickte, wandte er sich an die Fähe: „Ich werde morgen mit Lustig reden, damit er deine Verbannung aufhebt.“
Wolke sah das Fuchspaar dankbar an. Dann wandten Placker und Nachtwind sich ab und wollten gehen, doch da bemerkte Nachtwind, dass Sturm ihnen nicht folgte.
Fragend sah sie ihren Bruder an, doch dieser war bereits wieder durch den Zaun geschlüpft und stand neben Wolke.
„Ich bleibe hier, bis Wolkes Verbannung aufgehoben ist“, rief er seiner Schwester zu.
Nachtwind lächelte ihn an und folgte dann Placker und den beiden Hasen.
„Ich hoffe, das war’s jetzt bald“, sagte Flitzi da zu ihr.
„Wie meinst du das, Flitzi?“ fragte die Fähe.
„Na ja, zuerst bringe ich dich und Placker zusammen, dann dich und deinen Bruder“, erklärte die Häsin. „Wenn mich das nächste Mal ein Fuchs fressen will, frage ich ihn gleich, ob er irgendetwas mit dir zu tun hat.“
Nachtwind lachte los, und sie lachte aus ganzem Herzen, wie sie schon seit Tagen nicht mehr gelacht hatte.

Währenddessen standen Sturm und Wolke immer noch am Zaun.
Wolke sah Sturm von der Seite an. „Du bleibst also bei mir?“, sagte sie lächelnd. „Wieso?“
Sturm wandte sich schnell der jungen Fähe zu.
„Nun ja, ähm, also, jetzt passe ich schon seit ein paar Tagen auf dich auf, und daher dachte ich, also, ich dachte....“, druckste er herum.
„Soso“, sagte Wolke und wandte sich grinsend ab. „Du passt also auf mich auf. Das bedeutet, du musst an meiner Seite bleiben, egal, was passiert. Na, dann schauen wir mal, ob du mithalten kannst!“
Und lachend preschte die Füchsin los. Sturm sah ihr irritiert nach.
Als Wolke bemerkte, dass Sturm ihr nicht folgte, blieb sie stehen und rief ihm zu: „Mit anderen Worten: Fang’ mich, wenn du kannst!“
Erst jetzt schien Sturm ein Licht aufzugehen, und er nahm lachend die Verfolgung auf.

In dieser Nacht war Geflüster auf der Jagd, aber irgendwie fühlte sie sich beobachtet. Sie blieb einen Augenblick stehen und lauschte.
Und tatsächlich hatte sie jemand im Blick. Zwei Gestalten hatten sich etwas weiter entfernt im Blattwerk verborgen und sahen sie interessiert an.
„Sieh an“, flüsterte eine tiefe Stimme. „Eine Füchsin! Lass sie uns töten!“
„Nein“, gab eine hellere Stimme zur Antwort. „Wir haben heute Nacht schon eine Füchsin getötet, so wie er es befohlen hat. Und er duldet es nicht, wenn man sich seinen Befehlen widersetzt.“
„Schade“, sagte da wieder die tiefe Stimme. „Mir wäre gerade danach gewesen, sie zu töten.“
Geflüster hatte von dem Gespräch nichts mitbekommen. Es hatte nämlich zu leise und zu weit entfernt stattgefunden. Die Fähe stand immer noch da und lauschte. Irgendetwas war hier unheimlich. Doch als sie immer noch nicht sicher sagen konnte, ob da jemand war oder nicht, zog sie es vor zu gehen. Und schnell huschte sie davon.

Und die beiden Gestalten hatten tatsächlich die Wahrheit gesagt, denn am nächsten Morgen war ein neues Opfer zu beklagen.
Vornehm stand fassungslos vor dem leblosen Körper einer jungen Blaufüchsin, die übel zugerichtet worden war.
„Wer tut so etwas?“ fragte Vornehm mit Tränen in den Augen und schmiegte ihre Schnauze an die der toten Füchsin. „Meine arme Tochter!“
Dann richtete sie sich auf und wandte sich an einen jungen Blaufuchs, der neben ihr stand.
„Hol Nachtwind!“ befahl sie ihm. „Und sag’ ihr, sie soll jemanden mitbringen.“
„Wen?“ fragte der junge Blaufuchs irritiert.
„Irgendjemanden!“ entgegnete Vornehm forsch. „Und jetzt beeil dich!“
Der Blaufuchs nickte ihr kurz zu und machte sich auf den Weg.

Wenig später erreichte er das Gebiet der Thalerwaldtiere. Suchend sah er sich um, als er nicht weit entfernt eine junge Häsin entdeckte. Schnurstracks ging er auf sie zu.
Flitzi wollte schon die Flucht ergreifen, als ihr etwas einfiel.
„Bist du auf der Suche nach einer Füchsin namens Nachtwind?“ fragte sie sogleich, achtete jedoch darauf, dass der Abstand zwischen ihr und dem Blaufuchs nicht kleiner wurde.
Dieser sah sie verwirrt an. „Woher weißt du das?“
„Berufserfahrung“, entgegnete die Häsin.
Der Blaufuchs sah nun zwar noch verwirrter aus, fuhr jedoch fort: „Unsere Anführerin schickt nach ihr. Sie soll so schnell wie möglich ins Gebiet der Blaufüchse kommen und jemanden mitbringen.“
„Wen denn?“ fragte Flitzi.
„Irgendjemanden!“ entgegnete der Fuchs genervt, drehte sich um und zog von dannen.
Flitzi sah ihm nach, wobei sie sich mit einer Vorderpfote am Kopf kratzte.
Dann machte sie sich jedoch auf den Weg zu Plackers und Nachtwinds Bau, wo sie die Rotfüchsin auch tatsächlich vorfand.
Flitzi berichtete, was geschehen war und schloss mit den Worten: „Und du sollst jemanden mitbringen.“
Nachtwind überlegte kurz und nickte dann zum Zeichen, dass sie verstanden hatte.
Sie stand auf und ging los.
„He, wo willst du hin?“ fragte die Häsin. „Zum Blaufuchsrevier geht’s in die andere Richtung!“
„Ich weiß“, erwiderte die Fähe, ohne jedoch stehen zu bleiben. „Aber ich muss noch Streuner abholen.“
Und wieder war es an Flitzi, sich irritiert am Kopf zu kratzen. „Streuner?“

Wenig später erreichten Nachtwind und Streuner das Gebiet der Blaufüchse. Streuner fühlte sich offensichtlich nicht sonderlich wohl in seinem Fell.
„Halt!“ rief da auch schon ein Blaufuchs und stellte sich vor den beiden hin. „Du darfst passieren, Nachtwind, aber der Verräter hat keinen Zutritt.“
„Es hieß, ich solle jemanden mitbringen“, entgegnete Nachtwind kühl. „Und da nicht gesagt wurde, wen genau, darf ich mitbringen, wen ich will. Und nun bring uns bitte zu Vornehm. Sie erwartet uns bereits.“
Der Blaufuchs sah sie kurz prüfend an, tat dann aber, wie ihm geheißen.
Kurz darauf standen sie vor der Anführerin der Blaufüchse. Diese sah den Blaufuchs von der Grenze streng an, woraufhin dieser ihr zunickte und wieder ging. Als sie allein waren, trat Vornehm zu ihrem Sohn.
„Streuner, es tut so gut, dich zu sehen“, sagte sie und rieb ihren Kopf an Streuners Brust.
Streuner jedoch war zu überrascht, um die Geste zu erwidern.
Dann fuhr Vornehm zu Nachtwind gewandt fort: „Du hast meinen Wink also verstanden. Danke!“
Die Rotfüchsin nickte lächelnd.
Dann sagte die Blaufüchsin: „Folgt mir bitte. Es ist etwas Schlimmes passiert!“

Traurig senkte Streuner den Kopf zum Leichnam der toten Blaufüchsin.
„Meine arme Schwester“, sagte er.
„Wer immer das getan“, begann Nachtwind und besah sich die Tote genauer, „hat sie zum Spaß getötet. Der Hirsch, der gerissen wurde, ist aufgefressen worden, aber sie hier wurde einfach nur gequält. Ein paar ihrer Knochen sind gebrochen, und sie hat bestimmt nicht schnell sterben sollen, denn keine der Wunden ist wirklich tödlich. Erst in Summe müssen sie ihren Tod herbeigeführt haben. Armes Ding!“
„Wisst ihr, wer dahinter steckt?“ fragte Vornehm.
Nachtwind schüttelte den Kopf. „Wir haben leider keine Ahnung. Nur das Wiesel glaubt ein Tier gesehen zu haben, das so groß wie ein Hirschkalb ist. Doch genau erkennen konnte sie es nicht.“
Streuner wandte sich nun an seine Mutter.
„Ich bitte dich um erhöhte Vorsicht“, sagte er zu ihr. „Sag’ allen, sie sollen gut aufpassen. Und es wird das Beste sein, wenn niemand mehr alleine unterwegs ist.“
Vornehm nickte. Dann sahen Streuner und Nachtwind sich an und wollten sich auf den Heimweg machen.
Doch die Blaufüchsin hielt ihren Sohn zurück, indem sie nach ihm rief.
„Deine Schwester hat dir verziehen“, sagte sie. „Sie war nicht mehr böse auf dich, weil du eine Rotfüchsin zur Gefährtin genommen hast.“
Und nach einem Augenblick fügte sie zerknirscht hinzu: „Und ich bin es auch nicht mehr. Es war gemein von mir, dich so zu behandeln. Aber die Thalerwaldtiere sind für den Tod deines Vaters, meines geliebten Gefährten, verantwortlich. Ich kann das nicht vergessen.“
„Das verstehe ich, Mutter“, entgegnete Streuner. „Aber Anmut kann nun wirklich nichts dafür.“
Er trat zu ihr und berührte sanft ihre Schnauze mit der seinen. Vornehm erwiderte die Geste.
„Ich werde alles in die Wege leiten, damit ich dich wieder wie meinen Sohn behandeln kann und dich niemand mehr als Verräter sieht“, sagte sie. „Ich habe schon meine Tochter verloren, ich will nicht auch noch meinen Sohn verlieren.“
Streuner nickte, wandte sich dann um und ging.
„Seid vorsichtig!“ rief die Blaufüchsin ihnen nach, ehe sie leise hinzufügte: „Es ist niemand sicher, solange dieser Mörder frei herumläuft.“
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Re: Wie die Geschichte weiterging II (Staffel 5)

Beitragvon Andrea O'Down » Di 26. Mär 2013, 11:56

Kapitel 7: Herzensangelegenheiten

Am nächsten Morgen befanden sich Flitzi und Lauscher auf dem Weg zu Nachtwinds und Plackers Bau. Doch unterwegs begegneten sie Spicker und der Kröte, die wieder einmal ihr berühmtes Maulwurfspiel spielten.
„Er kommt hier hoch!“ rief Spicker und deutete auf eine Stelle.
„Nein, hier!“ erwiderte die Kröte, nachdem er am Boden gelauscht hatte.
Lauscher sah zu Flitzi und trommelte ein paar Mal auf den Boden.
„Das ist ein Spiel“, antwortete diese. „Sie raten, wo Moosi, der Maulwurf, herauskommt.“
Lauscher nickte und betrachtete interessiert die beiden kleinen Tiere, als sich nicht unweit von ihm ein kleiner Erdhügel erhob und Moosi seinen Kopf ins Freie steckte.
„Hier bin ich!“ rief der Maulwurf.
Lauscher wandte sich abermals mit ein paar Klopfzeichen an Flitzi. Diese nickte lächelnd und wandte sich dann an die Spieler: „Lauscher lässt fragen, ob er mitspielen darf.“
Die Kröte, Moosi und Spicker sahen sich kurz an und nickten dann erfreut.
Wenig später waren aber zumindest die Kröte und Spicker weniger erfreut über ihre Zustimmung, denn Lauscher hatte schon dreimal hintereinander gewonnen.
Die Kröte seufzte laut auf, als Lauscher schon wieder den richtigen Platz erraten hatte.
„Mann“, murmelte Spicker missmutig. „Wie macht der das bloß?“
„Gute Ohren, Spicker, Kumpel“, antwortete die Kröte. „Viel zu gute Ohren.“
Flitzi hatte das alles mitangehört und musste lachen. Auch musste sie zugeben, dass sie Lauscher schon länger nicht so ausgelassen gesehen hatte – zumindest nicht, seit Glockenblume gestorben war. Als Lauscher abermals gewann, rief sie laut „Bravo!“ Sie freute sich mindestens genauso über Lauschers Siege wie dieser selbst.
„Isssssst dassssssss nicht sssssssssssssüß?!“ erklang da plötzlich die Stimme der Otter hinter der Häsin. „Wie du deinen Gefährten anfeuerssssssssssst, Flitzi!“
„Er ist nicht mein Gefährte!“ erwiderte Flitzi sogleich und stemmte ihre Vorderpfoten in die Hüfte. „Wir sind Freunde!“
Die Kröte kam nicht umhin zu bemerken, wie Lauscher bei den Worten Flitzis traurig die Ohren hängen ließ.
„Wie du meinssssst“, sagte da die Otter. „Ich habe nur dasssss wiederholt, wassssss die Anderen alle ssssssagen. Ich mussssss jetzt ohnehin weiter.“ Und mit diesen Worten schlängelte sie sich davon.
Flitzi sah ihr nach. Obwohl sich die Häsin sicher war, dass die Otter nur Spaß gemacht hatte, hatte ihr Herz doch wie wild zu pochen begonnen, als sie von Lauscher als ihrem Gefährten gesprochen hatte.

Es war gut, dass Lauscher und Flitzi auf ihrem Weg zu Placker und Nachtwind aufgehalten worden waren, denn sie hätten die beiden Füchse ohnehin nicht in ihrem Bau vorgefunden. Die beiden erreichten nämlich gerade die Weißhirschherde. Sie wollten mit Lustig über die Aufhebung von Wolkes Verbannung reden. Sie fanden ihn am Rand der Wiese, wo sich die Herde gerade aufhielt. Ernst stand er da und beobachtete jede noch so kleine Bewegung.
„Ich grüße euch, Placker und Nachtwind“, sagte er und warf noch einen letzten, prüfenden Blick über die Herde, ehe er sich den beiden zuwandte. „Kann ich euch irgendwie helfen?“
Das Anliegen der beiden Füchse war schnell erklärt.
„Und darum bitten wir dich, Wolkes Verbannung aufzuheben“, schloss Nachtwind ihre Erklärung.
„Ich verstehe“, erwiderte Lustig. „Nun, gut. Sagt ihr, sie soll sich morgen Abend beim Steinkreis einfinden, und gebt allen Bescheid, dass eine Versammlung stattfindet.“
Die beiden Füchse nickten und verabschiedeten sich dann. Sie hatten die Wiese noch nicht verlassen, als Nachtwind sich noch einmal umwandte und zu dem weißen Hirschen trat, der wieder angestrengt seine Herde beobachtete.
„Du kannst sie nicht vor allem bewahren, Lustig“, sagte die Rotfüchsin.
„Aber ich kann es versuchen“, erwiderte der so Angesprochene, ohne seinen Blick abzuwenden.
„Natürlich“, gab die Fähe zurück. „Aber damit tust du dir selbst nichts Gutes. Du bist dünner geworden, und wenn du so weitermachst, machst du dich selbst zur leichten Beute. Wenn du nur dastehst, kaum frisst und dich wenig bewegst, wirst du hilflos sein, sollte dieses Tier es tatsächlich einmal wagen, die Herde anzugreifen. Es wird vielleicht sogar dich auswählen, weil du schwach sein wirst. Ich weiß, Einsams Tod hat dich sehr getroffen, aber es ist nicht deine Schuld. Nimm mit deinem Verhalten dieser Herde bitte nicht auch noch den Anführer. Sie brauchen dich, Lustig. Wir brauchen dich. Vergiss das nicht.“
Und mit diesem Worten ging sie wieder zu ihrem Gefährten. Kaum war sie bei Placker angelangt, als Lustig den Kopf senkte und zuerst zaghaft ein paar Grasbüschel abrupfte, es sich aber dann so richtig schmecken ließ.
„Gut gemacht“, sagte Placker zu seiner Gefährtin. Diese antwortete mit einem Lächeln.

Am Nachmittag besuchte Sturm seine Schwester. Die beiden lagen vor dem Bau in der Sonne.
„So warm“, murmelte Nachtwind, die das Gefühl hatte, als würde der Sonnenschein direkt in ihre Herz dringen. Und es war ein gutes Gefühl.
„Was?“ fragte der Rüde und stupste sie an.
„Ach, nichts“, erwiderte diese lächelnd. „Du gibst Wolke also Bescheid?“
„Natürlich. Sie wird sich unglaublich freuen.“
„Weißt du, eigentlich hatten wir unglaubliches Glück, dass wir uns wiedergefunden haben“, sagte die Fähe. „Legende hat mir erzählt, dass, wenn ich ihr meinen Namen nicht schon vor meinen Fieberanfällen gesagt hätte, ich nun gewiss einen anderen tragen würde. Denn durch das Fieber hatte ich ihn auch vergessen.“
„Na, da kann man wirklich von Glück reden“, erwiderte ihr Bruder.
Die beiden hätten gewiss den ganzen Nachmittag so weiter plaudern können, doch plötzlich stand eine ziemlich verwirrt wirkende Flitzi vor ihnen.
„Nachtwind, kann ich mit dir reden?“ fragte die Häsin sofort.
„Natürlich“, antwortete diese.
Flitzi warf einen Seitenblick auf Sturm, den dieser sogleich richtig deutete.
„Ähm, ja“, sagte er. „Ich gehe dann mal Wolke die frohe Botschaft überbringen.“
Und schon trottete er davon.
„Also, was gibt’s denn?“ wandte sich die Fähe an Flitzi.
„Weißt du...ähm....also...die Otter“, stotterte diese.
„Was ist mit der Otter?“ fragte Nachtwind, die nicht die geringste Ahnung hatte, worauf Flitzi hinauswollte.
„Na ja, ähm, sie hat was Komisches gesagt“, fuhr die Häsin fort.
„Und was?“
„Sie...also...ähm...sie hat...“, stotterte Flitzi weiter.
„Flitzi, du musst schon in ganzen Sätzen sprechen, sonst versteh’ ich dich nicht“, erwiderte Nachtwind mit einem Lächeln.
„Sie hat von Lauscher als meinem Gefährten gesprochen“, stieß Flitzi schnell hervor.
„Und ist er dein Gefährte?“
„Nein“, antwortete die Häsin. „Aber als sie das gesagt hat, da hat mein Herz ganz laut zu pochen begonnen, das haben bestimmt alle gehört.“
„Und das ist schlimm?“ fragte Nachtwind.
„Irgendwie schon“, sagte Flitzi. „Denn Lauscher und ich sind die besten Freunde, und wenn er das bemerkt hat, dann will er vielleicht nichts mehr mit mir zu tun haben, weil er mich eben als Freundin sieht und nicht als Gefährtin.“
„Aber du hättest ihn gerne zum Gefährten, stimmt’s?“ erwiderte Nachtwind lächelnd.
Statt einer Antwort nickte Flitzi nur verlegen.
„Also, was hält dich davon ab, ihm das zu sagen?“ fragte die Fähe weiter.
„Er hat schon seine Schwester verloren. Ich will nicht, dass er auch noch seine beste Freundin verliert“, antwortete die Häsin.
„Er könnte aber auch eine Gefährtin dazugewinnen“, warf Nachtwind ein. „Und wenn ihr wirklich so gute Freunde seid, würde so etwas doch nicht eure Freundschaft zerstören.“
Flitzi wiegte überlegend den Kopf hin und her. „Da hast du auch wieder Recht.“
Sie überlegte noch eine Weile, ehe sie fortfuhr: „Weißt du was? Ich sag’s ihm gleich.“ Und schon sauste sie davon.
„Viel Glück!“ rief Nachtwind ihr noch hinterher.

Ungefähr zur selben Zeit saß Lauscher mit hängendem Kopf unter einem Baum.
„Hallo, Kumpel“, sagte da die Kröte und war mit einem Satz neben dem Hasen. „Schlecht drauf?“
Lauscher nickte.
„Ist es wegen dem, was Flitzi gesagt hat?“
Lauscher sah die Kröte überrascht an.
„Nun ja“, begann die Kröte zu sprechen. „Eigentlich weiß ich Bescheid. Du magst sie, stimmt’s?“
Wieder war ein Nicken die Antwort.
„Hast du ihr das schon gesagt?“ fragte die Kröte.
Lauscher schüttelte den Kopf und deutete mit einer Vorderpfote auf sein Mäulchen.
„Ach ja, stimmt“, erwiderte die Kröte. „Hast du es ihr denn dann gezeigt?“
Wieder schüttelte der Hase den Kopf.
„Aber du könntest es ihr doch zeigen.“
Da begann Lauscher wie wild mit den Vorderpfoten zu gestikulieren und ab und zu mit den Hinterbeinen auf den Boden zu klopfen.
Die Kröte sah ihn verständnislos an. „Ich verstehe deine Zeichensprache leider nicht, Kumpel“, sagte er dann. „Aber wenn ich dir einen Rat geben darf: Was auch immer dagegen sprechen könnte, Flitzi deine Gefühle zu gestehen, zeig’ ihr trotzdem, dass du sie liebst. Denn was könnte wichtiger sein als das? So, und nun entschuldige mich. Ich muss ein bisschen meine Ohren trainieren, denn morgen lasse ich dich nicht so leicht gewinnen, Kumpel.“
Und langsam hüpfte die Kröte davon. Lauscher sah ihm nach, schien zu überlegen und rannte dann los.

Er war noch nicht lange gelaufen, als Lauscher fast mit Flitzi zusammenstieß. Die beiden konnten gerade noch abbremsen, hielten aber so, dass ihre Nasen nur mehr ein paar Zentimeter voneinander entfernt waren. Sofort fuhren sie auseinander.
„Oh, entschuldige“, sagte Flitzi. „Das war ja knapp.“ Und sie lachte verlegen.
Lauscher nickte.
Einen Augenblick herrschte betretenes Schweigen.
„Lauscher“, begann Flitzi, aber im selben Augenblick gab Lauscher ein paar Klopfzeichen von sich.
Flitzi lachte wieder verlegen. „Nein, du zuerst.“
Wieder trommelte Lauscher auf den Boden.
„Gut“, sagte Flitzi. „Na, dann halt ich zuerst.“
Sie holte tief Luft und begann dann zu sprechen: „Lauscher, ich habe dich total lieb, nein, ich meine, ich liebe dich, du bist mir das Wichtigste auf der Welt. Und ich würde unglaublich gerne deine Gefährtin sein. Ich hoffe aber, wir können trotzdem Freunde sein, auch wenn du meine Gefühle nicht erwiderst, denn...“
Aber weiter kam die Häsin nicht, denn Lauscher war plötzlich ganz nah an sie herangerückt und rieb seinen Kopf sanft an dem ihren. Flitzi war zuerst total überrascht, schloss dann aber die Augen und genoss diese Berührung.
„Heißt das, du liebst mich auch?“ fragte sie, als Lauscher sich wieder von ihr gelöst hatte.
Der Hase nickte. Und da war es an Flitzi, ganz nah an ihn heranzurücken. Glücklich schmiegte sie sich gegen seine Brust.
Just in diesem Augenblick schlängelte sich die Otter vorbei.
„Hab’ ich’ssssss nicht gesssssssagt?!“ sagte sie, ohne auch nur einen Moment innezuhalten.

In dieser Nacht huschte Moosi durch seine unterirdischen Gänge. Er war auf der Suche nach ein paar Würmern. Mittlerweile hatte er schon einen Teil seiner alten Gänge erreicht. Bei einem alten Ausgang steckte er seinen Kopf ins Freie und sah sich im hellen Schein des Mondes um.
Erschrocken huschte er aber sofort wieder zurück in den Gang, denn direkt neben seinem Maulwurfshügel hatte er eine riesige, schwarze Pfote gesehen. Sein kleines Herz schlug ihm bis zum Hals. Und dann hörte er Stimmen.
„Ich habe es satt, dauernd zu warten“, sagte eine tiefe Stimme. „Können wir nicht wieder einen räudigen Fuchs quälen? Das macht wenigstens Spaß.“
„Ja, das habe ich gemerkt, dass dir das Spaß macht“, erwiderte eine hellere Stimme. „So, wie du diese Blaufüchsin zugerichtet hast. Aber wir dürfen nur töten, wenn er es befiehlt.“
Plötzlich wurde es stockdunkel in Moosis Gang. Nicht einmal das Mondlicht fiel mehr herein, und der Maulwurf wusste, dass sich eines dieser Tiere über den Eingang gelegt hatte. Er hatte sogar die Erschütterung in der Erde spüren können.
„Und wann wird das sein? Ich will meine Zähne wieder in etwas Lebendiges schlagen“, sagte die tiefe Stimme. „Können wir nicht wenigstens jagen?“
„ Die Anderen haben Jagddienst“, gab die helle Stimme zur Antwort. „Sie werden dir schon etwas mitbringen.“
„Ja, Hasen und Mäuse“, sagte der Andere verächtlich. „Ich will wieder etwas Ordentliches. Wie einen Hirschen zum Beispiel.“
„Das war ein Glückstreffer. Vergiss das also schnell wieder.“
„Hat er ihn eigentlich schon gefunden, diesen Thalerwaldfuchs?“ fragte die dunkle Stimme.
„Er sagt, er ist knapp davor“, war die Antwort.
„Gut. Darauf freue ich mich nämlich schon. Das wird ein Schauspiel! Ich kann es kaum erwarten zu sehen, wie unser Boss ihn umbringt.“

Später in dieser Nacht kehrten der Fuchs und die Füchsin von der Jagd zu ihrem Bau zurück. Die Füchsin hatte den Bau bereits betreten, doch der Fuchs blieb noch eine Weile draußen stehen und sah sich um.
Dennoch entdeckte er nicht, dass er beobachtet wurde. Aus einem nahen Gebüsch verfolgten zwei Augen jede seiner Bewegungen. Doch für den Fuchs schien alles in bester Ordnung, und so huschte auch er in den Bau.
„Hab’ ich dich!“ stieß da aber der Beobachter leise und bedrohlich hervor.
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Re: Wie die Geschichte weiterging II (Staffel 5)

Beitragvon Andrea O'Down » Mi 22. Mai 2013, 09:44

Kapitel 8: Beschützt den Fuchs!

So schnell er konnte, huschte Moosi durch seine unterirdischen Gänge. Er musste den Fuchs warnen, und zwar schnell. Sein kleines Herz schlug ihm vor Aufregung und Angst um seinen Freund bis zum Hals. Endlich hatte er einen Gang erreicht, der zum Bau des Fuchses und der Füchsin führte. Schnell buddelte er sich ins Freie, als er sicher war, beim Bau angelangt zu sein. Keuchend steckte er den Kopf aus seinem Maulwurfshügel und blickte in den Bau.
„Fuchs!,“ rief das kleine Tier sofort. „Fuchs! Bist du da?“ Und Moosi hatte unglaubliche Angst davor, keine Antwort zu bekommen.
„Ja“, erklang da plötzlich die verschlafene Stimme des Fuchses, und er trat zu Moosi. „Was gibt es denn?“
„Fuchs“, begann Moosi aufgeregt, „Du und die Füchsin, ihr müsst sofort hier weg! Ich erkläre euch alles später! Nur fort, fort, fort!“
Der Fuchs und seine Gefährtin blickten sich fragend an.
„Was ist denn los?“, fragte die Füchsin den Maulwurf.
„Später!“ entgegnete dieser hektisch. „Ihr seid in Gefahr!“
Die beiden Füchse blickten sich noch einmal kurz an, nickten dann aber. Moosi atmete erleichtert auf.
„Gut“, sagte der Fuchs. „Wir gehen zu Placker.“
„Wir sehen uns dort“, erwiderte Moosi. „Beeilt euch!“

Placker lag im Eingang seines Baus, als sich plötzlich ein kleiner Erdhaufen vor seinen Pfoten aufschichtete und Moosi seinen Kopf heraussteckte.
„Oh“, sagte Placker überrascht. „Habe ich jetzt gewonnen, Moosi?“
Der Maulwurf sah ihn verständnislos an, kam aber nicht dazu, etwas zu entgegnen, denn Placker hatte seine Großeltern entdeckt, die sich dem Bau näherten. Sofort stand er auf.
„Großvater, Großmutter, was macht ihr denn hier?“
„Das musst du Moosi fragen“, entgegnete der Fuchs.
Placker blickte auf den Maulwurf, der bloß nickte und dann zwischen Plackers Pfoten hindurch in den Bau spazierte. Der Rüde sah ihm kurz nach, trat dann aber zur Seite und ließ seine Großeltern in den Bau. Er sah sich noch einmal um, ehe er ihnen folgte.
Im Inneren weckten sie Nachtwind, die verschlafen blinzelte, sich dann aber sofort aufsetzte, als sie den Fuchs und die Füchsin erkannte.
Moosi begann sofort seine Geschichte zu erzählen. Die Füchse hörten ihm aufmerksam zu.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Nachtwind, als Moosi geendet hatte.
„Das ist eine gute Frage“, erwiderte ihr Gefährte. „Ich würde vorschlagen, meine Großeltern bleiben erst einmal hier. Für morgen berufen wir eine Versammlung ein und überlegen gemeinsam, was wir tun können.“
Für diesen Vorschlag erntete Placker allgemeine Zustimmung. Der Fuchs, die Füchsin und Nachtwind legten sich hin, während Placker zurück zum Eingang des Baus schlich, um Wache zu halten.

In dieser Nacht spazierte Rek durch den Wald. Der ehemalige Anführer der Weißhirschherde war Einzelgänger, seit Lustig seinen Platz eingenommen hatte. Rek konnte einfach nicht akzeptieren, dass ein Anderer als er die Herde anführte, doch er konnte auch nichts dagegen tun, denn Lustig hatte diesen Platz ehrlich erkämpft, noch dazu verdankte Rek ihm sein Leben. Daher wollte er ihn nicht herausfordern und zog es vor, abseits der Herde zu leben.
Langsam ging der weiße Hirsch zwischen den Bäumen hindurch, doch plötzlich hielt er inne. Er hatte etwas gehört.
Rek lauschte. Was konnte das gewesen sein?
Und noch ehe er es richtig mitbekam, sprang etwas aus dem Unterholz und biss ihm ins Hinterbein. Knurrend stürzte sich eine weitere Gestalt auf ihn, doch Rek schlug kräftig mit den Hinterbeinen aus. Er hatte tatsächlich eines der Wesen getroffen und hörte, wie es aufjaulte. Auch die andere Gestalt schien ein wenig eingeschüchtert, doch Rek hatte keine Zeit, sich darüber zu freuen. Schnell trat er die Flucht an.
Die beiden Gestalten verfolgten ihn nicht.
„Ach, lassen wir ihn doch“, sagte die eine. „Es wäre ohnehin ein Wunder gewesen, wenn wir beide alleine es geschafft hätten, einen Hirsch zu erlegen. Dazu hätten wir komplett sein müssen.
„Du hast Recht“, erwiderte die zweite Gestalt. „Einen Versuch war’s aber wert. Mein Bruder wird ganz schön mürrisch sein, wenn wir ihm heute wieder nur Hasen und Mäuse bringen, aber er wird’s überleben.“
Und mit diesen Worten verschwanden die beiden wieder in der Dunkelheit.

Währenddessen erreichte Rek die Herde. Lustig kam sofort auf ihn zugerannt.
„Rek!“ rief er. „Was ist denn passiert?“
„Mich hat etwas angegriffen“, entgegnete der so Angesprochene mürrisch.
Lustig bemerkte die Bisswunde an Reks Hinterbein.
„Fast wäre es dir so ergangen wie Einsam“, stellte er fest. „Du solltest lieber hier bei der Herde bleiben, so wie ich es dir damals schon vorgeschlagen habe.“
„Aber ich werde dich niemals als Anführer der Herde akzeptieren!“ erwiderte Rek sofort.
„Das verlange ich auch gar nicht. Bleib’ einfach hier bei der Herde.“
Und mit diesen Worten wandte sich Lustig wieder seiner Herde zu. Rek sah ihn überrascht an.

Am nächsten Morgen hatten sich alle Thalerwaldtiere bei Plackers und Nachtwinds Bau versammelt. Placker erklärte kurz, was vorgefallen war.
„Und wie sah diese Pfote aus?“, fragte das Wiesel Moosi.
„Riesig!“, erwiderte der Maulwurf. „Riesig!“
„Aha“, machte das Wiesel schnippisch und warf der Eule einen triumphierenden Blick zu, doch diese ignorierte sie einfach.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte da Freundlich.
„Der Fuchs und die Füchsin können nicht zurück in ihren Bau, das ist klar“, erklärte Streuner. „Aber wir könnten in unmittelbarer Nähe des Baus Wache halten, und wenn diese Biester dort auftauchen, wissen wir zumindest, mit wem wir es zu tun haben.“
„Guter Vorschlag, Streuner“, pflichtete Placker dem Blaufuchs bei.
„Aber das könnte gefährlich werden!“, warf Geflüster ein.
„Es darf natürlich niemand alleine Wache halten“, ergänzte Streuner seinen Vorschlag. „Wir sollten mindestens zu zweit sein, finde ich, wenn nicht gar zu mehreren.“
Placker nickte.
„Und die Vögel unter uns sollten Rundflüge in der Gegend um den Bau machen“, sagte Nachtwind.
Abermals nickte Placker. „Wir machen es so, wie Streuner und Nachtwind vorgeschlagen haben.“

Die erste Wache wurde von Höfele, Schatten und Freundlich übernommen, für die Rundflüge war die Krähe zuständig. So hatten Placker und Nachtwind Zeit, Sturm und Wolke von der Grenze abzuholen.
Wolke war sichtlich nervös, als sie den Boden des Weißhirschparkes betrat, doch Sturms Anwesenheit beruhigte sie etwas.
Dann trat sie zu Nachtwind.
„Danke für alles, Nachtwind“, sagte die Fähe. „Du hast wirklich viel für mich getan.“
„Gern geschehen“, erwiderte Nachtwind.
Dann kam sie mit ihrer Schnauze ganz knapp zu Wolkes Ohr und flüsterte ihr zu: „Wenn du dich revanchieren möchtest, pass’ einfach gut auf meinen Bruder auf.“
Dann trat Nachtwind wieder einen Schritt zurück und zwinkerte Wolke dabei zu. Diese senkte verlegen lächelnd den Blick.
Dann machten sich Sturm und Wolke auf, um einen Bau zu suchen, und Nachtwind konnte nicht umhin, festzustellen, dass sie tatsächlich nur von einem Bau gesprochen hatte. Sie lächelte, als sie den beiden nachblickte.
„Ein Bau?“, fragte Placker da seine Gefährtin. „Also sind sie ein Paar?“
„Sieht so aus“, antwortete diese. Und ihrer Ansicht nach passten sie ja auch wirklich gut zusammen.
„Apropos Paar“, fuhr die Fähe fort. „Hast du schon von Lauscher und Flitzi gehört?“
„Nein“, entgegnete Placker. „Aber ich habe es gesehen. Es war ja offensichtlich, so wie die beiden beim Treffen heute aneinander klebten.“
Nachwinds Lächeln wandelte sich bei diesen Worten in ein Grinsen, und auch Placker musste lächeln.

Die nächsten Tage vergingen mit den Wacheinsätzen beim Bau des Fuchses und der Füchsin, doch zuerst geschah einmal gar nichts. Wer immer es auf den Fuchs abgesehen hatte, ließ sich Zeit damit, sich dort blicken zu lassen. Schön langsam kamen den Tieren Zweifel, ob diese Fremden nicht schon wussten, dass Fuchs und Füchsin nicht mehr hier waren. Und Placker veranlasste, dass seine Großeltern in den Bau von Streuner und Anmut gebracht wurden – nur für den Fall, dass man sie in seinem Bau bereits ausgemacht hatte.
Doch bald sollten sie alle herausfinden, wer hinter dieser ganzen Sache steckte.

Es war ein ganz normaler Wachdienst-Nachmittag. Placker, Nachtwind, Anmut und Streuner hielten sich zwischen Bäumen und Büschen unweit des Baus verborgen. Anmut konnte ein Gähnen kaum unterdrücken, da dies schon ihre zweite Wache war, und es so aussah, als würde sich wieder nichts tun. Doch da hatte die Rotfüchsin sich geirrt.
Denn plötzlich landete die Eule auf einem Baum ganz in ihrer Nähe.
„Es kommt jemand!“, zischte sie.
„Was für ein Tier ist es?“, fragte Placker sogleich.
„Das kann ich dir nicht sagen“, erwiderte die Eule. „Ich habe nur ein paar Bewegungen ausmachen können. Aber wer immer es ist, ist eindeutig auf dem Weg hierher.“
Placker nickte.
Und kurz darauf traten sieben Gestalten aus dem Dickicht, und die Füchse trauten ihren Augen kaum, als sie erkannten, was für Tiere das waren. Hunde! Zwei von ihnen waren außergewöhnlich groß, und nun wussten die Füchse, was das Wiesel mit „so groß wie ein Hirschkalb“ gemeint hatte. Ein anderer Hund hatte sehr kurze Beine, aber irgendwie wirkte die ganze Truppe ungemein gefährlich. Einer der Hunde, ein silbergrauer Rüde mit hängenden Ohren, trat zum Eingang des Baus und lauschte. Dann schnüffelte er am Boden.
„Baron!“, rief er da, und ein schwarzbrauner Hund mit langen, hängenden Ohren und einem langgezogen wirkenden Gesicht trat ebenfalls zum Eingang des Baus.
Auch er schnüffelte am Boden.
„Verlassen“, sagte er dumpf.
Der andere Hunde jaulte vor Zorn auf. „Wo ist er?!“
„In Sicherheit“, sagte da Placker und trat aus seinem Versteck.
Nachtwind schnappte vor Schreck hörbar nach Luft, weil Placker sein Versteck aufgegeben hatte, tat es ihm dann aber gleich. Auch Anmut und Streuner traten ins Freie.
Die bernsteinfarbenen Augen des silbergrauen Rüden richteten sich auf die Füchse. „Und wer seid ihr?“
„Die, die den Thalerwaldfuchs beschützen“, entgegnete Streuner.
Der eine der beiden riesigen Hunde, dessen Fell schwarz wie die Nacht war, trat sofort näher auf die Füchse zu, doch ein Blick des silbergrauen Rüden ließ ihn innehalten.
„Soso“, sagte der Rüde. „Was ihr nicht sagt. Dann richtet eurem Thalerwaldfuchs etwas aus: Sagt ihm, dass ich ihn finden werde. Und wenn ich jeden Stein in diesem Park einzeln umdrehen muss! Ich werde ihn finden! Und ich werde ihn töten! Und sollte mir auf meiner Suche ein anderer Fuchs begegnen, so werde ich ihn auch töten. Jeder Fuchs in diesem Park, der mir oder meiner Meute zu nahe kommt, wird einen qualvollen Tod sterben. Und das Töten wird erst aufhören, wenn ich den Thalerwaldfuchs umgebracht habe! Sagt ihm das!“
„Ganz schön große Klappe für einen dahergelaufenen Hund. Wo ist denn dein Herrchen?“, erwiderte Placker frech.
„Wir kennen keinen Herrn!“ knurrte der Rüde.
„Und von wem sollen wir diese Nachricht überbringen?“ fragte Streuner.
„Ich bin Cloud, Anführer der Meute“, entgegnete der Rüde.
Eine Weile starrten sich Füchse und Hunde regungslos an.
„Wir werden euch jetzt nichts tun“, sagte da Cloud ruhig. „Aber für jeden toten Fuchs von heute Nacht an ist euer berühmte Thalerwaldfuchs verantwortlich. Vergesst das nicht!“
Und mit diesem Worten wandte der Rüde sich um und ging. Seine Meute folgte ihm.
Die Füchse sahen ihnen nach. Der Schrecken über diese Begegnung saß ihnen noch in den Gliedern.
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Re: Wie die Geschichte weiterging II (Staffel 5)

Beitragvon Andrea O'Down » Di 4. Jun 2013, 12:51

Kapitel 9: Clouds Hass

Gleich nach der Begegnung mit Cloud und seiner Meute machten sich die vier Füchse auf den Weg, um die Anderen zu informieren und eine Versammlung einzuberufen. Die Eule jedoch versuchte, so gut es ging, mit der Meute mitzuhalten. Sie wollte wissen, wo sie ihr Versteck hatten. Außerdem wollte sie sicher gehen, dass keiner aus der Meute ihren Freunden folgte.
Und bald wusste sie, wo die Meute hinwollte. Die Hunde steuerten auf ein Gebiet zu, das schon länger von den Jägern gemieden wurde, da es dort kaum mehr Beute gab. Es war eine verlassene Gegend, und genau dort schien die Meute sich niedergelassen zu haben. Die Eule hatte genug gesehen. Sie drehte um und flog zurück zum Bau von Streuner und Anmut, wo der Fuchs und die Füchsin sich aufhielten. Dort sollte auch die Versammlung stattfinden.

Als die Eule den Treffpunkt erreichte, waren bereits alle versammelt.
„Ich habe sie noch ein Stück verfolgt“, erklärte der braune Raubvogel. „Ich weiß jetzt, wo sie ihr Revier haben.“
„Gut gemacht, Eule“, sagte Placker anerkennend, und die Eule lächelte zufrieden.
Dann wandte der junge Rotfuchs sich an seinen Großvater: „Du hast also wirklich niemals etwas von einem Hund namens Cloud gehört?“
„Nein.“ Der Thalerwaldfuchs schüttelte den Kopf. „Mit einem Hund, wie du diesen Cloud beschrieben hast, hatte ich noch nie etwas zu tun.“
Placker senkte nachdenklich den Blick.
„Ich denke, es ist jetzt auch nicht so wichtig, was dieser Cloud gegen dich hat, Fuchs“, beteiligte sich nun auch Streuner an dem Gespräch. „Wichtiger ist die Frage, wie wir jetzt vorgehen sollen.“
„Ja“, pflichtete seine Gefährtin ihm bei. „Immerhin wollen sie weitere Füchse töten.“
„Ihr habt Recht“, sagte Placker. „Zuerst müssen wir alle informieren. Freundlich, du gehst mit mir zu Lustig. Nachtwind, Streuner, ihr informiert bitte die Blaufüchse. Großvater und Großmutter, ihr bleibt gemeinsam mit Anmut hier. Die Anderen verbreiten die Nachricht von der neuen Gefahr weiter. Aber geht bitte immer mindestens zu zweit, vor allem die Füchse unter uns.“
Mit diesen Worten erhob der Anführer der Thalerwaldtiere sich und ging mit Freundlich davon. Auch die Anderen machten sich auf den Weg.

„Hunde, sagst du?“ Vornehm sah ihren Sohn und Nachtwind überrascht an.
Streuner nickte. „Ja, Mutter, und sie haben geschworen, so viele Füchse wie möglich zu töten, wenn der Fuchs sich ihnen nicht stellt.“
„Dann soll er sich doch stellen!“, rief die Blaufüchsin. „Er kann doch nicht unser aller Leben aufs Spiel setzen! Wirklich, diese Thalerwaldtiere! Nichts als Ärger hat man mit ihnen! Zuerst töten sie deinen Bruder, dann deinen Vater, und jetzt sind sie auch noch für den Tod deiner Schwester verantwortlich!“
Nachtwind hatte bei diesen Worten leicht den Kopf gesenkt und starrte ins Leere. Streuner bemerkte es, und auch ihm war nicht wirklich wohl bei dem, was seine Mutter da sagte.
„Hör jetzt auf, Mutter!“, sagte er daher bestimmt. „Was mit Vater geschehen ist, weiß ich. Aber auch er hat Thalerwaldtiere bedroht und getötet. Ihr habt ihnen das Leben zur Hölle gemacht, seit sie hier angekommen sind. Und ich habe genug von dieser dummen Fehde! Wenn wir etwas gegen diese Hunde unternehmen wollen, müssen wir zusammenhalten! Gib mir bitte Bescheid, wenn du das verstanden hast!“
Und mit diesen Worten wandte er sich um und ging. Seine Mutter starrte ihm sprachlos hinterher.
„Er hat Recht“, sagte da Nachtwind zu Vornehm. „Diese Fehde dauert schon zu lange. Und es könnte uns alle das Leben kosten, wenn wir uns noch mehr entzweien. Glaubt mir, diese Hunde werden nicht aufhören zu töten, selbst wenn der Fuchs sich stellen sollte. Dafür töten sie viel zu gerne. Lasst es mich wissen, wenn ihr eine Entscheidung getroffen habt.“
Die junge Rotfüchsin nickte Vornehm zum Abschied zu und folgte dann Streuner, den sie bald eingeholt hatte.

Placker hatte Lustig soeben von der neuen Gefahr berichtet.
„Gut“, sagte der Anführer der weißen Hirsche. „Wir werden vorsichtig sein.“
„Ich glaube zwar nicht, dass sie euch angreifen werden, aber es schadet bestimmt nicht, wenn ihr aufpasst“, stimmte Placker ihm zu.
Der junge Rotfuchs wollte sich gerade wieder zum Gehen wenden, als er Rek am Rande der Lichtung erkannte.
„Was macht Rek denn hier?“, fragte er überrascht. „Ich dachte, er wäre als Einzelgänger unterwegs, seit du Anführer geworden bist.“
„Das war er auch“, erklärte Lustig. „Aber gestern Nacht wurde er von diesen Hunden angegriffen und hat hier Schutz gesucht. Ich habe ihn gebeten, hier zu bleiben, auch wenn er mich nicht als Anführer akzeptiert.“
„Das war bestimmt gut so“, sagte Placker. „Und wer weiß? Vielleicht akzeptiert er dich ja eines Tages als Anführer, wenn er sieht, was für gute Arbeit du leistest.“
Er lächelte Lustig zu und ging dann gemeinsam mit Freundlich zurück zum Versteck seiner Großeltern. Er wollte sich noch mit seinem Großvater beraten.

Nachtwind hatte gemeinsam mit Streuner eben ihrem Bruder Bescheid gesagt. Dieser war sehr bestürzt über diese schlechten Nachrichten gewesen, und auch Wolke hatte sich sehr erschrocken. Nachtwind seufzte. Da hatte sie endlich ihren Bruder wiedergefunden, und dann drohte gleich so eine Gefahr.
Nun waren die Rotfüchsin und der Blaufuchs unterwegs zu Legende. Vor allem um sie machte Nachtwind sich große Sorgen. Die alte Füchsin war ein leichtes Ziel für Angriffe.
Kurz bevor sie den Bau erreichten, fing Nachtwind noch schnell eine Maus. Streuner sah sie fragend an.
„Sie hat bestimmt wieder nichts gefressen“, erklärte sie, nahm die tote Maus in ihr Maul und huschte weiter zu Legendes Bau.
Streuner wartete im Eingang des Baus, während Nachtwind zu Legende schlich. Die alte Füchsin lag da und schlief.
„Legende“, sagte Nachtwind ruhig und stupste die alte Füchsin vorsichtig mit der Schnauze an. „Wach auf.“
Legende blinzelte, und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, als sie Nachtwind erkannte.
„Ah, mein Kind, dass du mal wieder bei mir vorbeischaust!“ Die alte Füchsin war sichtlich erfreut über Nachtwinds Besuch.
„Ja, es ist in letzter Zeit viel passiert“, erwiderte diese entschuldigend.
Sie schob ihre Beute mit der Vorderpfote zu ihrer Ziehmutter. „Hier, ich habe dir etwas mitgebracht. Und während du es dir schmecken lässt, erzähle ich, was geschehen ist.“
Legende nickte und begann, die Maus zu verspeisen.
Als Nachtwind geendet hatte, sah Legende sie ruhig an.
„Hunde also“, sagte die alte Füchsin. „Das ist nicht gut.“
„Nein“, pflichtete ihre Ziehtochter ihr bei. „Deswegen wäre es besser, du würdest zu mir und Placker ziehen, bis das vorbei ist. Placker hat bestimmt nichts dagegen.“
„Nein, mein Kind“, erwiderte die Rotfüchsin. „Ich bleibe hier.“
„Aber das ist gefährlich! Du könntest sterben!“ Nachtwind war bestürzt.
„Ich weiß“, gab Legende zurück. „Aber ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich bin alt, Nachtwind, sterben könnte ich jeden Tag. Nein, ich fürchte mich nicht. Mein Platz ist hier. Ich habe lange gebraucht, um den Ort zu finden, wo ich hingehöre. Bitte zwing mich jetzt nicht, ihn zu verlassen.“
„Natürlich nicht“, erwiderte Nachtwind und berührte sanft die Schnauze ihrer Ziehmutter mit der ihren. „Aber pass bitte auf dich auf!“
Legende nickte lächelnd.
Dann verließ Nachtwind wieder den Bau.
Auf dem Weg zurück schwieg die Rotfüchsin die ganze Zeit.
„Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, fragte Streuner sie.
„Ich mache mir Sorgen um Legende“, erklärte Nachtwind. „Ich verstehe, dass sie ihren Bau nicht verlassen will, da er ihr erstes wirkliches Zuhause war, nachdem sie jahrelang auf Wanderschaft war, aber es ist gefährlich. Ich werde zwar so oft wie möglich zu ihr gehen, aber ich kann nicht immer da sein.“
„Und würde es etwas helfen, wenn Anmut und ich ab und zu vorbeischauen?“, fragte Streuner.
„Ja, natürlich, danke.“ Nachtwind sah ihn dankbar an.

Der Fuchs und die Füchsin lagen in Anmuts und Streuners Bau und warteten.
Der Fuchs starrte vor sich hin. Es war offensichtlich, dass er sich Sorgen machte.
„Worüber denkst du nach?“, fragte ihn seine Gefährtin.
„Ich überlege, wie wir dieses Problem lösen können“, erklärte der Fuchs. „Vielleicht sollte ich mich einfach stellen.“
„Aber dann töten sie dich!“, rief die Füchsin erschrocken.
„Und vielleicht wäre das besser so“, fügte der Fuchs hinzu. „Dann kostet es wenigstens keine andere Füchse das Leben.“
Die Füchsin sah ihn fassungslos an, aber ehe sie etwas erwidern konnte, sagte Freundlich, der eben in den Bau trat und alles gehört hatte: „Das ist Blödsinn, Vater! Die hören bestimmt nicht mit dem Töten auf!“
„Ja“, pflichtete Placker ihm bei, der gleich danach zu seinen Großeltern trat. „Ihr hättet sehen sollen, wie sie diese Blaufüchsin zugerichtet haben. Das kann nur ein Tier, das Freude am Töten hat. Deswegen werden sie auch nicht aufhören, wenn du dich stellst.“
„Aber was können wir sonst tun?“, fragte der Fuchs.
„Wir könnten den Aufseher auf die Hunde aufmerksam machen“, schlug die Füchsin vor.
„Ja, aber wie?“, fragte Freundlich. „Im Gegenzug zu den Fallen werden die Hunde bestimmt nicht stillhalten und darauf warten, gefunden zu werden.“
„Dann informieren wir Rollo“, erklärte Placker. „Vielleicht kann er uns helfen.“
Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung.
„Aber mich würde interessieren, warum diese Hunde gerade den Fuchs wollen“, warf Freundlich ein.
„Ja, mich auch“, gestand der Fuchs.
„Ich habe eine Idee“, sagte da Placker. „Wir fragen einfach nach.“
Dafür erntete der junge Rotfuchs verständnislose Blicke.
„Wie willst du das machen?“, fragte Freundlich.
„Ganz einfach, wir schicken einen der Vögel“, erklärte Placker. „Dem können sie nichts tun.“

Die Eule landete auf einem der Bäume in der Nähe einer Höhle. Hier ungefähr vermutete sie das Versteck der Meute. Und sie hatte sich nicht getäuscht, denn kurz darauf trat einer der großen Hunde aus der Höhle.
„Du!“, rief die Eule. „Hol doch bitte diesen Cloud, ich habe eine Nachricht vom Thalerwaldfuchs für ihn.“
Der große Hund sah sie kurz an, rief dann aber mit lauter, dröhnender Stimme: „Cloud! Hier ist jemand, der dich sehen will!“
Sofort trat der Weimaranerrüde aus der Höhle, und kurz darauf war die gesamte Meute bei dem Baum versammelt, auf dem die Eule saß.
„Was willst du, Vogel?“, fragte Cloud mit bösartiger Stimme.
„Der Thalerwaldfuchs möchte gerne wissen, warum du gerade auf ihn Jagd machst“, erwiderte die Eule ruhig. „Er kennt dich nämlich nicht.“
„Das ist wahr“, erklärte der silbergraue Rüde. „Er kennt mich nicht.“
„Und warum willst du ihn dann töten?“, fragte die Eule.
„Weil ich es einem Fuchs zu verdanken habe, dass mein Herr mich verjagt hat“, antwortete Cloud knurrend. „Wir waren auf der Jagd, und ich hätte diesen Fuchs töten sollen. Ich bemühte mich sehr, doch es gelang mir nicht, weil der Fuchs zu schnell war. Und als ich unverrichteter Dinge zu meinem Herrn zurückkam, gab er mir einen Fußtritt und versuchte, mich zu erschießen, weil ich seiner Ansicht nach seinen Befehl nicht befolgt hatte. Weißt du, wie schlimm es für einen Hund ist, der immer bei Menschen war, plötzlich in der Wildnis ausgesetzt zu werden? Ich weiß es! Es war schrecklich. Und dafür muss jemand bezahlen! Und dieser Thalerwaldfuchs ist der berühmteste Fuchs, den es gibt. Daher wird er stellvertretend für diesen einen Fuchs, der für mein Leid verantwortlich ist, sterben! Ich hasse alle Füchse! Ich hasse den Thalerwaldfuchs!“
Die Eule sah den Weimaraner fassungslos an. „Aber der Fuchs kann doch nichts dafür!“
„Das ist egal!“, schrie Cloud sie an, sprang hoch und versuchte, nach der Eule zu schnappen. „Er wird bezahlen! Sag’ ihm das!“
Vor Schreck schwang die Eule sich sofort in die Lüfte und flog davon.
Cloud sah ihr hasserfüllt nach. Dann wandte er sich an die beiden riesigen Hunde: „Hektor, Hades, geht auf Patrouille und bringt uns was zu fressen mit.“
Und drohend fügte er hinzu: „Und solltet ihr einem Fuchs begegnen, tötet ihn!“
Hektor, der graue der beiden Hunde, nickte bloß, aber der schwarze Hades grinste bei diesem Befehl über das ganze Gesicht. Er schien sich tierisch darüber zu freuen. Dann gingen die beiden los.
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Re: Wie die Geschichte weiterging II (Staffel 5)

Beitragvon Andrea O'Down » Di 6. Aug 2013, 14:52

Kapitel 10: Von der Gefahr, ein Fuchs zu sein

„So sieht’s aus“, schloss Placker seine Erzählung. „Wir haben es mit Hunden zu tun.“
Rollo nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte. „Und du sagst, es sind sehr große Hunde dabei?“
„Ja, Rollo“, antwortete Placker. „Wirklich sehr große Hunde.“
Der Bernhardiner überlegte einen Moment. „Ich bin auch groß“, sagte er dann stolz und warf sich in Pose. „Vielleicht könnte ich sie vertreiben.“
„Nein, mein Freund.“ Placker schüttelte den Kopf. „Zwei von ihnen sind sogar größer als du, und außerdem sind sie in der Überzahl.“
„Ojeeee“, sagte Rollo gedehnt und verfiel von seiner stolzen Pose in eine eher gebückte Haltung. „Das war wohl eine dumme Idee. Tut mir Leid!“
„Schon gut.“ Der Rotfuchsrüde musste schmunzeln, als er sah, wie der Hund wieder in seine alte, mitleidige Rolle verfiel. „Weiß der Aufseher Bescheid?“
„Nein“, erwiderte Rollo. „Er hat noch nichts bemerkt.“
Placker seufzte. „Ich weiß ohnehin nicht, ob er uns wirklich helfen könnte. Diese Hunde sind gerissen – vor allem Cloud. Aber wir werden schon eine Lösung finden.“ Mit diesen Worten erhob er sich. „Ich lasse wieder von mir hören. Mach’s gut“, verabschiedete er sich von Rollo und lief dann zum Waldrand, wo ihn Streuner – gemäß der Regel, dass ein Fuchs nicht alleine unterwegs sein sollte – auf ihn wartete.

In dieser Nacht waren Hektor und Hades wieder auf einem ihrer mörderischen Streifzüge. Gerade eben ließ Hades einen Rotfuchs aus seinem Maul fallen, der mit einem dumpfen Geräusch zu Boden fiel und leblos liegen blieb.
„Pah, der ist viel zu schnell gestorben“, sagte der Rüde ein wenig enttäuscht.
„Was hast du denn erwartet, wenn du ihm die Wirbelsäule brichst?“, fragte Hektor. „Und findest du nicht, dass du etwas übertreibst?“
„Wieso denn?“ Der schwarze Rüde sah seinen Bruder fragend an. „Cloud hat gesagt, wir sollen so viele Füchse wie möglich töten. Und ich tue, was mein Boss mir befiehlt.“
„Ja, das schon“, gab Hektor ihm Recht. „Ich töte auch, wenn Cloud es von mir verlangt. Aber du genießt es ja geradezu.“
„Lass mir doch den Spaß“, erwiderte Hades grinsend. „Und jetzt komm’! Ich will noch einen von diesen Flohfängern erledigen.“
Und damit trabte er fröhlich davon. Sein Bruder folgte ihm schweigend.
Wenig später hatte Hades auch tatsächlich ein neues Opfer gefunden. Er hatte eine junge Rotfüchsin am Hinterbein gepackt und zerrte sie aus dem Unterholz. Verzweifelt versuchte die Fähe, irgendwo Halt zu finden, doch die schwarze Dogge war stärker. Als er sie aus ihrem Versteck geholt hatte, hielt er ihr Hinterbein immer noch mit seinen Zähnen umklammert, sie baumelte wie ein Spielzeug in seinem Maul. Die Arme krümmte sich vor Schmerzen. Da ließ der Rüde sie zu Boden fallen und wollte ihr eine Bisswunde in den Rücken verpassen, doch nun geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Die Fähe wandte sich blitzschnell um und biss ihn kräftig in seine Vorderpfote. Jaulend wich Hades zurück, und diesen Augenblick nutzte die Fähe, um, so schnell sie konnte, wieder im Unterholz zu verschwinden.
Doch Hades hatte bereits die Verfolgung aufgenommen. In Todesangst humpelte die Rotfüchsin weiter. Da entdeckte sie eine Tanne, deren Wurzeln etwas über den Boden ragten, so dass sich eine kleine Höhle gebildet hatte. Das war ihre letzte Hoffnung. Verzweifelt zwängte sie sich hinein und hoffte, dass dieses schwarze Monster sie hier nicht erwischen konnte.
Und sie hatte Recht. Der Rüde war zu groß, um sie hier zu erreichen. Er jaulte ärgerlich auf, als er das feststellte.
„Lass’ uns Rasputin holen!“, rief er Hektor zu. „Der ist klein genug, um da reinzukommen.“
„Ach, lass’ es gut sein“, erwiderte sein Bruder. „Ihre Überlebenschancen stehen ohnehin schlecht. Sie kann nicht mehr jagen und wird wohl verhungern. Suchen wir uns lieber ein anderes Opfer.“
Hades murmelte etwas Unverständliches, nickte dann aber, und die beiden Hunde verschwanden in der Dunkelheit.
Die Fähe fing an zu weinen, als sie weg waren. Was sollte sie jetzt nur tun?

Die Nachricht, dass Hunde im Park waren, hatte sich wie ein Lauffeuer unter den Tieren verbreitet. Und irgendwie schien trotz strahlendem Sonnenschein eine dunkle Wolke über allem zu liegen. Kein Tier war mehr richtig froh.
Placker hatte es so eingerichtet, dass jeden Tag eine Versammlung abgehalten wurde. So war auch für diesen Morgen eine Versammlung angesetzt. Wie jedes Mal huschten die Blicke des Anführers der Thalerwaldtiere unruhig durch die Gegend, bis schließlich alle versammelt waren und er mit eigenen Augen sehen konnte, dass keinem etwas passiert war. Der Fuchs und die Füchsin waren von den Treffen zwar ausgenommen, doch sie waren so gut versteckt, dass Placker sich um sie kaum Sorgen machte.
Auch diesmal wurde zu Beginn von den Verlusten gesprochen, die in den letzten Tagen unter den Tieren bekannt geworden waren.
„Ich habe von einer Spitzmaus gehört, dass es gestern Nacht wieder drei tote Füchse gegeben haben soll“, berichtete eines der Kaninchen.
„Zumindest zwei davon kann ich bestätigen“, erklärte die Eule. „Ich habe ihre Kadaver gesehen.“
Placker seufzte, und auch die anderen Füchsen schlugen traurig die Augen nieder.
„Irgendetwas müssen wir doch tun!“, warf Streuner ein.
„Natürlich“, erwiderte Nachtwind. „Aber was? Wir können sie nicht besiegen, dazu sind sie zu stark. Und den Fuchs auszuliefern, würde nichts ändern.“
„Da hast du Recht“, pflichtete Placker seiner Gefährtin bei. „Bis wir wissen, wie wir die Hunde aufhalten können, ermahne ich alle noch einmal zu erhöhter Vorsicht. Eule, Hollo, Flinki, Pfeifer und Krähe, ich bitte euch, noch einmal alle im Park zu warnen.“
Die Vögel nickten, dann wurde die Versammlung aufgelöst.
Freundlich lief gleich alleine los, hielt aber im Lauf inne, als Placker nach ihm rief. „Freundlich! Wir sagten doch, dass kein Fuchs alleine losziehen darf!“, ermahnte der jüngere Rotfuchs seinen Onkel.
„Keine Angst, Placker“, erwiderte dieser. „Ich hab’s nicht weit.“ Und schon war er weg.
Placker seufzte. „Dem wird noch mal was passieren. Dauernd läuft er nach den Versammlungen alleine los.“
„Ja“, bestätigte Nachtwind. „Mich würde aber interessieren, warum er das macht. Freundlich ist der Letzte, der ein Gebot grundlos nicht beachten würde. Irgendetwas ist da im Busch.“
Der Rüde überlegte. „Wollen wir rausfinden, was?“, fragte er schließlich seine Gefährtin.
„Gerne“, antwortete diese lächelnd. „Wir hängen uns gleich morgen nach der Versammlung an seine Fersen.“

Gesagt, getan. Am nächsten Morgen folgten Placker und Nachtwind Freundlich heimlich. Sie beobachteten, wie er eine Maus fing und dann zu einem alten Bau lief. Bevor er diesen betrat, sah er sich noch einmal suchend um. Die beiden anderen Rotfüchse schlichen näher, als der Rotfuchsrüde im Bau verschwunden war, und konnten Stimmen aus dem Inneren hören – Freundlichs Stimme und eine offensichtlich weibliche Stimme. Placker sah seine Gefährtin an, doch diese rief bereits in den Bau hinein: „Hallo, Freundlich! Wir wissen, dass du da bist.“
Wenig später kam ein ziemlich verwirrt aussehender Freundlich aus dem Bau. Fragend sah er zuerst Nachtwind und dann Placker an.
„Ähm, ihr wollt sicher wissen, was hier los ist“, sagte er zögerlich.
„Natürlich!“, erwiderten beide wie aus der Pistole geschossen.
„Na, gut“, seufzte ihr Gegenüber. „Kommt mit!“
Die beiden folgten ihm in den Bau und fanden darin eine junge Rotfüchsin. Sie lag im Wohnkessel, und offenbar war sie verletzt. Eines ihrer Hinterbeine wies eine schlimme Bisswunde auf.
„Das ist Sanft“, stellte Freundlich die Fähe vor. „Sanft, das sind Placker und seine Gefährtin Nachtwind.“
„Es freut mich, euch kennenzulernen“, sagte Sanft, und obwohl sie Schmerzen haben musste, lächelte sie, als sie das sagte.
Placker und Nachtwind nickten ihr freundlich zu.
„Ich habe sie vor ein paar Tagen verletzt im Wald gefunden“, erklärte Freundlich. „Ich konnte sie bis hierher bringen, doch wegen ihrer Verletzung schafft sie es nicht weiter. Deswegen versorge ich sie mit Nahrung.“
„Ich verstehe“, erwiderte Placker.
Nachtwind war inzwischen zu der Rotfüchsin gegangen und begutachtete die Wunde.
„Das sieht wirklich schlimm aus. Und es verheilt nicht gut“, sagte sie seufzend. Sie warf ihrem Gefährten einen nachdenklichen Blick zu.
„Ach, halb so wild“, warf da Sanft ein. „Ich habe schon Schlimmeres überstanden.“ Immer noch zwang sie sich zu einem Lächeln.
Als Placker und Nachtwind wenig später den Bau wieder verließen, wandte sich Nachtwind an Freundlich, der sie ein Stück begleitete.
„Es steht schlimm um sie, Freundlich“, sagte die Fähe. „Wenn wir sie nicht zum Aufseher bringen, wird sie vielleicht sterben.“
Freundlich senkte traurig den Blick. „Ich weiß. Aber sie wird es nie bis zum Haus des Aufsehers schaffen.“
„Dann bringen wir den Aufseher eben zu ihr“, erklärte Nachtwind und sah ihren Gefährten an. Dieser nickte sofort.
„Freundlich, bring sie irgendwie vor den Bau!“, rief Nachtwind dem Rotfuchs zu. Dann liefen sie und Placker davon.

Beim Haus des Aufsehers angelangt, rief Placker sofort nach Rollo.
Als der Bernhardiner vor ihnen stand, sagte er: „Rollo, pass’ auf! Wir haben eine verletzte Füchsin, können sie aber nicht hierher bringen. Meinst du, du kannst den Aufseher dazu bringen, dir zu folgen? Wir führen dich zu ihr.“
Der große Hund nickte bloß, und während die beiden Füchse sich ein Stück entfernten, stimmte er so ein Gebell und Geheul an, dass irgendwann der Aufseher aus dem Haus kam.
„Was ist denn nun schon wieder, Rollo?“, fragte er genervt.
Doch Rollo bellte bloß weiter und lief ein Stück in die Richtung, die Nachtwind und Placker ihm zeigten. Und es funktionierte. Der Aufseher folgte ihnen.
Kurz darauf erreichten sie den Bau. Sanft lag davor in der Sonne. Sie zuckte ängstlich zurück, als Rollo auf sie zugelaufen kam, doch Freundlich flüsterte ihr aus seinem Versteck in einem Gebüsch zu: „Keine Angst! Das ist ein Freund.“
Dann erreichte auch schon der Aufseher den Ort des Geschehens. Er sah die Füchsin, betrachtete ihre Verletzung, hob sie dann hoch und trug sie davon.
Im Vorbeigehen sagte er zu Rollo: „Gut gemacht, mein Junge. Du schaffst es doch wirklich manchmal, mich zu überraschen.“
Rollo reckte stolz die Nase in die Höhe, zwinkerte dann aber Placker und Nachtwind zu, die sich ganz in der Nähe versteckt hatten.
Als der Aufseher mit Sanft auf seinen Armen und Rollo weg waren, verließen die drei Füchse ihr Versteck.
„Meint ihr, er wird ihr helfen können?“, fragte Freundlich.
„Ganz bestimmt“, sagte Nachtwind aufmunternd, und Placker fügte hinzu: „Ja, und vielleicht bringt ihn ihre Verletzung auf die Spur der Hunde.“

In einem anderen Teil des Parks lief Cloud unruhig vor der Höhle der Meute auf und ab. Hektor und Hades standen ruhig da und sahen ihm dabei zu.
„Wie viele Füchse müssen wir noch töten?!“, schimpfte der Weimaraner. „Jede Nacht sterben Füchse, und dieser Thalerwaldfuchs reagiert einfach nicht!“
„Vielleicht brauchen wir einen anderen Plan“, warf eine schwarz-weiße Greyhound-Hündin ein.
Cloud hielt inne und überlegte einen Augenblick. „Du hast Recht, Artemis“, sagte er dann. „Wenn es den Thalerwaldfuchs nicht stört, dass so viele fremde Füchse an seiner Statt sterben, dann müssen wir ihn einfach dort erwischen, wo es ihm wirklich weh tut.“
Er lächelte grimmig. „Und ich weiß auch schon, wie wir das machen.“
Ava by Kumkrum
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Andrea O'Down
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